Das
Europäische Zentrum für Kurdische Studien – Berliner
Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e. V. (BGFK) hat
Anfang April 2005 gemeinsam mit der Gemeinde der Kurden aus
Syrien in Berlin und Brandenburg e. V. eine Kampagne für die
Menschenrechte der Kurden in Syrien initiiert. Siamend Hajo ist
Vorstandsmitglied und wissenschaftlicher Mitarbeiter der BGFK
und federführend an der Durchführung der Kampagne beteiligt.
Judith Wolf: Was ist der
Hintergrund und das Ziel der Kampagne für die Menschenrechte von
Kurden in Syrien, die ihr, die BGFK, zusammen mit der Gemeinde
der Kurden aus Syrien durchführt?
Siamend Hajo: Anlass der
Kampagne ist das Assoziationsabkommen zwischen Syrien und der
Europäischen Union. In diesem Zusammenhang haben wir überlegt,
inwieweit man auf dieses Abkommen Einfluss nehmen kann, damit
die Forderungen der Kurden gegenüber der syrischen Regierung
einfließen: die verfassungsmäßige Anerkennung der Kurden als
zweitgrößte Volksgruppe neben den Arabern, die Gewährung
politischer und kultureller Rechte, die Wiedereinbürgerung der
1962 ausgebürgerten Kurden, die Rückgabe enteigneter Ländereien,
die Entschädigung von Personen, die während der Märzunruhen 2004
festgenommen und gefoltert worden sind, und nach Möglichkeit die
Einrichtung einer Kommission, die diese Vorkommnisse untersucht.
Wir haben dann Kontakt mit verschiedenen Parlamentariern
aufgenommen und erfahren, dass es nicht möglich ist, auf den
Text des Abkommens selbst Einfluss zu nehmen, da dieser im
Wesentlichen einem einheitlichen Rahmenvertrag entspricht, der
mit sämtlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten der EU abgeschlossen
wird. Es ist zwar pauschal die Rede von Menschenrechten und die
Staaten, die diese Assoziationsabkommen unterschreiben, werden
verpflichtet, diese einzuhalten. Es existieren aber weder
Mechanismen zur Überprüfung oder gar Sanktionierung von
Verstößen, noch ist es möglich, konkrete, auf die Kurden
bezogene Forderungen gegenüber der syrischen Regierung im
Vertragstext zu berücksichtigen.
J.W.:
Heißt das dann aber, dass man vielleicht das Abkommen als
Ganzes verhindern könnte?
S.H.: Nein. Es ist auch nicht
unser Ziel gewesen, das Abkommen zu verhindern. Das Abkommen ist
unterschriftenreif, es ist eigentlich schon durch, es ist nicht
mehr zu stoppen. Man hat jetzt zwar wegen der Ereignisse im
Libanon die endgültige Ratifizierung nach hinten verschoben, man
wollte abwarten, bis sich die Lage im Libanon geklärt hat. Aber
wie es aussieht, wird der Assoziationsvertrag im Juni oder Juli
im EU-Parlament beraten und dann verabschiedet.
J.W.:
Steht der zeitliche Beginn eurer Kampagne im Zusammenhang mit
dem Aufstand im März letzten Jahres oder ist das eher ein Zufall?
S.H.: Nein. Natürlich gab es im
Zusammenhang mit dem ersten Jahrestag des Aufstands Überlegungen,
wie man Einfluss auf die syrische Regierung nehmen kann. Es gab
Überlegungen, wie man das EU-Parlament und den Deutschen
Bundestag dazu bringen könnte, Resolutionen zu verabschieden. Es
fanden auch Gespräche in dieser Richtung statt. Wir haben dem
Menschenrechtsausschuss im Bundestag Informationen über die
Ereignisse im März 2004 in Syrien zukommen lassen und um einen
Termin gebeten. Dazu ist es nicht gekommen, weil man dort
anscheinend nicht sehr interessiert war. Letztlich war die
bevorstehende Beratung des Assoziationsabkommens im EU-Parlament
der Anlass, tatsächlich den Kontakt mit einzelnen
EU-Parlamentariern, mit Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses
zu suchen. Es geht nicht nur darum, die Märzereignisse
untersuchen zu lassen oder die Gefangenen freizulassen.
Politische Gefangene gab es auch vor März 2004 unter den Kurden.
Wir haben das Problem der Ausgebürgerten in Syrien, wir haben
das Problem der politischen Entrechtung der Kurden seit der
Republikgründung oder zumindest seitdem die Baathisten an der
Macht sind. Die Märzereignisse waren nur ein Höhepunkt, der noch
mal verdeutlicht hat, wie extrem diese Regierung agiert, und der
natürlich auch viele Kurden im Ausland stärker als vorher
politisiert hat.
J.W.: Was tut ihr konkret im
Rahmen dieser Kampagne und was habt ihr weiterhin vor? Kannst du
das ein bisschen erläutern?
S.H.: Die Kampagne ist
zweigleisig aufgebaut. Zum einen setzen wir auf eine möglichst
breite Information, wollen alle EU-Abgeordneten erreichen. In
diesem Zusammenhang planen wir, eine Kurzbroschüre zur
Menschenrechtssituation der Kurden Syriens an alle
EU-Abgeordneten zu schicken. Eine junge Wissenschaftlerin aus
Großbritannien, Harriet Montgomery, hat sowohl eine ausführliche
Studie zur Lage der kurdischen Bevölkerung in Syrien erarbeitet
als auch besagte Kurzbroschüre. Das Europäische Zentrum für
kurdische Studien gibt beide Publikationen heraus und nutz sie
als Informationsmaterial für die Kampagne. Das heißt, diejenigen
Abgeordneten, die über die Kurzbroschüre hinaus an Informationen
interessiert sind, können auch die Langfassung der Studie bei
uns bestellen.
Darüber hinaus setzen wir auf
individuelle Gespräche mit EU-Parlamentariern, von denen wir
annehmen, dass sie ein besonderes Interesse oder eine besondere
Sensibilität für die kurdische Frage aufbringen. Dass sind etwa
Parlamentarier, die im Auswärtigen Ausschuss des EU-Parlaments
sind. Der Auswärtige Ausschuss bereitet den Bericht des
EU-Parlaments zu Syrien vor, wenn man möchte, dass in diesem
Bericht bestimmte Aspekte erwähnt werden, dann sind die
Ausschussmitglieder beziehungsweise die so genannte
Berichterstatterin die richtige Adresse. Die Berichterstatterin
ist letztlich verantwortlich für die Abfassung des Berichts,
sammelt Informationen, beruft Hearings ein et cetera.
Bislang haben wir mit drei
Abgeordneten von drei verschiedenen Fraktionen gesprochen –
unter anderem auch mit Cem Özdemir von der Fraktion der Grünen,
der für die kurdische Frage immer sehr offen ist. Er und seine
Mitarbeiterin haben uns beraten, wie wir am besten weiter
vorgehen sollen. Außerdem haben wir uns mit der kurdischen
Abgeordneten Feleknas Uca zusammengesetzt und mit einem
Abgeordneten der Sozialdemokraten gesprochen. Alle haben uns
zugesagt, sich dafür einzusetzen, dass unsere Anliegen in Bezug
auf die Kurden Syriens im Auswärtigen Ausschuss beraten
beziehungsweise in den Bericht aufgenommen werden.
Im Übrigen wollten wir die Kampagne
nicht auf Berlin beschränken. Die Idee ist, dass nicht nur wir
in Berlin, die Gemeinde der Kurden aus Syrien und das
Europäische Zentrum für kurdische Studien, Lobbyarbeit machen,
sondern dass wir uns dabei mit anderen kurdischen Institutionen
in Europa vernetzen. Deswegen haben wir Kontakt mit dem
Kurdischen Institut in Brüssel und mit Kurden in Schweden
aufgenommen, außerdem haben wir vor, das Kurdische Institut in
Paris anzusprechen. Sie alle sollen Kontakt zu ihren nationalen
Abgeordneten im Europaparlament aufnehmen und sie überzeugen,
den Abschlussbericht des EU-Parlaments in unserem Sinne zu
unterstützen. Ich glaube, gerade die Kurden in Europa haben
wahnsinnig viele Kontakte, die man nur bündeln muss. Die Kurden
in Schweden haben zum Beispiel schon mit der Vorsitzenden der
liberalen Fraktion Kontakt aufgenommen. Wir hoffen, persönlich
mit ihr sprechen zu können, wenn wir das nächste Mal in Brüssel
sind. Mit ihr, mit der Berichterstatterin des Auswärtigen
Ausschusses, die für Syrien zuständig ist, sowie mit einigen
weiteren, insbesondere konservativen Abgeordneten. Die Kampagne
soll vernetzt, die Kontakte von Kurden und kurdischen
Institutionen aus verschiedenen Ländern Europas genutzt werden.
Ich glaube, dann können wir sehr effektiv sein und die meisten
Fraktionen erreichen.
J.W. Kannst du vielleicht noch kurz
etwas zum Inhalt des Buches sagen!
S.H.: Es geht um eine
Darstellung der Entrechtung der Kurden Syriens seit Gründung des
syrischen Staates. Das Buch beschäftigt sich zum einen mit
Ereignissen, die mittlerweile bereits als historisch bezeichnet
werden können – etwa den Ausbürgerungen von 1962 oder der
Arabisierungspolitik, Stichwort arabischer Gürtel – die aber
nichtsdestotrotz noch immer Auswirkungen auf die aktuelle Lage
der Kurden haben. Zum anderen liegt ein Schwerpunkt auf
aktuellen politischen Ereignissen, die Arbeit geht der Frage
nach, wie sich die Situation der Kurden Syriens insbesondere
während der Regierungszeit Bashar al-Assads verändert hat.
Stichworte sind hier die Gewährung oder besser Verweigerung
politischer und kultureller Rechte. Zentral ist auch die Frage,
welche Auswirkungen die Entwicklung im Irak auf Syrien und
speziell die Kurden dort gehabt hat. In diesem Zusammenhang
werden natürlich auch die Märzunruhen und ihre Folgen
thematisiert.
J.W.: Gleichzeitig mit dem Beginn
eurer Aktion, haben andere kurdische Organisationen die
kurdische Frage in Syrien mit einer Konferenz ins EU-Parlament
eingebracht. Wie schätzt du diesen politischen Schritt ein?
S.H.: Sie haben nicht die
kurdische Frage ins EU-Parlament eingebracht, sondern Räume des
EU-Parlaments gemietet, beziehungsweise eine EU-Parlamentarierin
hat mit dem Kurdischen Institut in Brüssel diese Veranstaltung
durchgeführt. Soweit ich informiert bin, waren außer ihr keine
weiteren Parlamentarier anwesend. Es ist also nicht zu einer
tatsächlichen Diskussion zwischen den Veranstaltern und den
Parlamentariern gekommen. Und soweit ich weiß, waren wieder
neunzig Prozent der Zuhörer und Zuhörerinnen Kurden. Einerseits
sind solche Veranstaltungen wichtig, andererseits stellt sich
für mich schon die Frage, was es nützt, wenn ich im EU-Parlament
Räume miete, dann aber nur eine Parlamentarierin kommt. Die
Kurden selbst sind über die Menschenrechtslage in Syrien
vergleichsweise gut informiert, es muss darum gehen, die
Mehrheitsgesellschaft und insbesondere ihre Entscheidungsträger
zu erreichen. Man muss direkte Gespräche führen mit Personen,
die Entscheidungen treffen, die Einfluss haben. Ich glaube, dass
solche Zweiergespräche viel effektiver sind. Interessant für uns
war, dass es viel einfacher ist, mit EU-Abgeordneten im
Besonderen beziehungsweise Politikern im Allgemeinen über Syrien
zu sprechen, als zum Beispiel über die Türkei. Die syrische
Regierung hat nicht die selbe Lobby wie die Türkei. Viele
Politiker sind in Bezug auf Syrien offener, sie sind eher bereit,
zuzuhören, zugänglicher für Argumente. Syrien ist für sie bisher
nur als ein diktatorischer Staat in Erscheinung getreten, in dem
Menschenrechten keine Beachtung geschenkt wird. Sie fühlen sich
Syrien nicht verpflichtet.
J.W.: Das Engagement von Kurden aus
Syrien in Europa war jahrelang nicht zu bemerken, aber seit
kurzem sind sie fast schon massiv präsent und jetzt gibt es noch
einen Schritt in Richtung EU. Was denkst du über diese
Entwicklung allgemein?
S.H.: Man sollte diesen Schritt
Richtung EU nicht überbewerten, ihm keine größere Bedeutung
beimessen, als er tatsächlich hat. Es hat eine Veranstaltung im
EU-Parlament gegeben – mehr nicht. Außerdem hat der Auswärtige
Ausschuss der EU ein Hearing zu Syrien durchgeführt. Dieses
Hearing kam nicht wegen der Kurden oder auf Grund ihrer
Lobbyarbeit zustande, sondern solche Hearings gibt es immer dann,
wenn es um den Abschluss eines Assoziationsvertrages geht.
Richtig ist aber, dass die Kurden
Syriens stärker in die Öffentlichkeit gehen als noch vor wenigen
Jahren. Sie fangen an, ihre eigenen Vereine zu gründen und
arbeiten explizit zur Situation der Kurden in Syrien. Ich denke,
das ist ein normaler Prozess. Die Zahl der Kurden aus Syrien in
Europa wird immer größer, da fangen sie an, sich selbst zu
organisieren. Kurden aus Syrien haben vorher vor allem mit
kurdischen Organisationen oder Vereinen zusammen gearbeitet, die
von Kurden aus der Türkei oder dem Irak dominiert werden.
Irgendwann haben sie festgestellt, dass ihre Interessen nicht
ausreichend vertreten werden. Also haben sie begonnen, ihre
eigenen Vereine zu gründen. Durch die Ereignisse im März 2004
sind die Kurden natürlich zusätzlich mobilisiert worden. Aber
die Gemeinde der Kurden aus Syrien in Berlin und Brandenburg
beispielsweise ist schon 2002, also vor den März-Ereignissen,
gegründet worden. Einige Kurden aus Syrien waren der Meinung:
Wir haben spezifische Probleme, die können die Vereine der
Kurden aus der Türkei oder dem Irak nicht behandeln
beziehungsweise die werden von ihnen nicht ernst genug genommen.
Das ist kein Vorwurf, diese Vereine haben ihre eigene politische
Ausrichtung, ihre eigenen Schwierigkeiten. Einen ähnlichen
Prozess haben in den Achtzigerjahren auch die Kurden aus der
Türkei durchlaufen. Zuerst hatten wir die KSSE, einen
studentischen Verein, der dominiert wurde von den Kurden aus dem
Irak, von der Demokratischen Partei Kurdistan-Irak. Später sind
immer mehr Kurden aus der Türkei nach Europa gekommen, sie haben
angefangen, ihre eigenen Organisationen zu gründen, haben sich
zusammengetan und sind rausgegangen aus der KSSE. Und so ist es
jetzt auch mit den Kurden Syriens.
J.W.: Ich
danke dir für das Gespräch
S.H.: Nichts zu danken!
erschienen am 1. Mai 2005 auf
www.kurdische-nachrichten.de