Talisman/AmulettMein
Name ist Canou
und mein Onkel hat keinen Namen...
Ich kenne seinen Namen nicht; in dieser Nacht streckt er die
ewige Sorge vor den Türen des Nordens aus und denkt tief
nach. Ich und das Geräusch des Gürtels meiner Mutter, das
Rascheln der Sommerstacheln des Taurus.., mein Onkel dreht
seinem Schicksal den Rücken zu und wendet sein Gesicht dem
Wörterbuch der aufgeregten Grenzen zu, er schaut zu mir und
der schönen Haarlocke auf meiner Stirn, mit scharfen Blicken
wie ein unschuldiger Adler, geht mit seinen Blicken hin und
her zwischen den Zeilen der Grenze und der Minen.
Der Rauch der Zigaretten war in
Richtung auf die Minen zu gezogen und das Keuchen seiner
Karawane kippt auf meine Angst. Wir werden in dieser Nacht
in Richtung Norden, in vermintes Land..; plötzlich reißt
Ghasale meine Hände in Richtung des Dreschbodens:
-Weißt Du nicht, daß wir in
Richtung Norden gehen, über die Grenze ?
-Ich weiß.
-Wie ?
Jedesmal, wenn der
Zigarettenrauch der Männer in Richtung Minen zieht, dann
weiß ich, daß Du auf dem Weg bist.
Versteckt Euch vor den Augen
des Schicksals, achtet auf Eure Schritte, achtet auf die
Kinder, daß die Grenzen sie uns nicht entführen! Raucht Eure
letzten Zigaretten und benachrichtigt die Frauen, daß sie
die Waffen bereitlegen !
Als mein Onkel sprach, glänzte
sein Goldzahn im Zwielicht des Hofes.
Ich werde in dieser Nacht die
Grenze für Dich und Deinen Sohn opfern.
-Nein, mein Bruder, ich habe
keine Angst !
Ich entzünde mich an der
Schuhsohle und zeige, daß ich Dir nicht zugehört habe.
-Warum kommt Ghasale nicht mit
?
Ich drehe mich mit beiden Augen
, die voll von Angst sind, und taste in den Taschen der
Männer und dem Rasseln des Fußschmucks der Frauen nach der
Feldblume; mit dem Schrei Ghasales komme ich meiner Mutter
nahe:
-Warum kommt Ghasale nicht mit
uns ?
Wir überschreiten die Bahnlinie
und die Minenfelder. Die Maultiere, die mit ihren scharfen
Blicken zum Taurus, der mit vielen Abkommen garniert ist,
heraufsehen..; die Dunkelheit der Männer.., die Wünsche vor
den Knospen der Angst haben aufgegeben. Die Knospen, die
mein Blut vergewaltigt haben.
Ich habe mir und meinen Schuhen
nicht geglaubt, daß wir das Zittern vor den Minen gelernt
haben, die Vibration der Lippen und das Fiebern des Körpers,
das Brechen des Sommerstrohs,
die Blüte des wilden Johannisbrotbaums; trockene Stöcke,
dicke Socken, heißer Staub, die schwarze Statur der
Bewaffneten, die die Minenfelder genau kennen, wie Efeu
rankten sie sich um die gebrochenen Horizonte.
-Wer hat das Wasser gemacht?
Ich kehre zurück zu den
Gesichtszügen meiner bergesgleichen Liebe, zum Schatten des
Kleides meiner Mutter, verstecke Ghasale wie einen feuchten
Mandelkern in meinem Gedächtnis und in der Schwere des
Ausdrucks meiner Stationen der Emigration.
-Wer hat das Wasser gemacht ?
Mein Onkel löst den
Wassertropfen aus seiner Hüfte und dreht sich zu mir herum:
-Aus unseren Tränen, aus
unseren Tränen, mein Sohn.
Der erste Tropfen, der die Erde
berührt, war der Tropfen Deiner Mutter und mit diesem
Tropfen entsprangen Quellen und Flüsse aus den verletzten
Tiefen der Berge dieses Landes.
-Dann frage nach dem Tropfen
meiner Mutter, mein Onkel.
Am nächsten Tag, in der Nähe
des Dreschbodens, begegnete Ghasale den Spuren von Canous
Schuhen . Sie setzte sich um die Spuren herum und häufte den
zarten Staub zu Wällen auf. Dort, wohin die Tropfen flossen,
sprossen Sonnenblumen. Diese blühten und wandten sich der
Sonne zu . Der Sonne, die über den Minen stehengeblieben
war. Ghasale hat keine Erklärung für die Zeit gefunden; sie
hat die Zipfel ihres Kleides genommen und ist in die
Richtung des Hauses gerannt. Sie brachte die Wasserkanne und
suchte nach der Spur; sie hat die Staubwälle nicht gefunden,
auch nicht die Sonnenblumen. Sie hat lange gesucht. Während
der Suche floß das Wasser aus der Kanne. Dann kam die Flut.
Der Tonkrug löste sich von der Flut, und auch die Grenzen
und die Minen. Canous Schuhe lösten sich auch, aber ohne
Bewegung. Daneben lag Canous Lilienamulett.
-Wo ist Canou ?
Ghasale hat das Amulett gefragt.
- Er hat sich in ein Rebhuhn
verwandelt; am Ufer des Wan-Sees lehrt er die
Vögel das Krächzen.
- Wie können die Kunstkinder
lernen ?
- Durch das Wasser, sie sagen,
daß Canou das Krächzen an den See übertragen
hat; jeder Vogel, der von
diesem Wasser trinkt, wird angesteckt.
- Und das Amulett ?
- Ich bin kein Amulett, sondern
eine Schwalbe.
Mein Name ist Canou, oft
Landstreicher in den Straßen des Exils. Ich warte auf die
Briefe meiner Ghasale. Fein bin ich, bewahre die
Gefährlichkeit der Minen, bewahre die Übungen meines Onkels
mit seinem grauen Pferd, da es mit dem Ort die Gewohnheit
bekommt, mit der Zerstörung und Trennung. Damit wir in das
Heft der Einsamkeit die Nacht und die Narzisse malen. Alle
Mauern sind gefallen; alle Männer sind aus dem Graben Sauce
ohne Stein. Ich beobachte meinen Onkel und seine Ratschläge
und Empfehlungen an seine Männer.
Danach fragt er mich :
- Liebst Du Sesam ?
Du warst mit
ihr zusammen gekommen.
- Nein Onkel.. Ich liebe
Ghasale.
Er lacht dieses Mal in der
Sonne des „Omeriyansmittag", seine goldenen Zähne strahlen,
die dünnen Linien seines Schnurbartes blühen. Er trägt sein
Gewehr, nimmt meine Hand und geht Richtung Grenze und Minen.
- Siehst Du Ghasale ?
Ich fasse nach nach dem Amulett
; ein Schwarm Schwalben entspringt
meinem Körper, fliegt auf, als
ich meinen Onkel anschaue. Das Weinen
sammelt sich in der Brust der
Grenze.Der erste Tropfen hat meiner Mutter gehört. Ich
verbeuge mich auf dem Amulett und frage meinen Onkel:
- Wann werde ich wieder geboren
?
- Mein Onkel wollte weinen,
aber er hat es nicht getan.
Die wilden Blumen blühten durch
die Explosion der Minen. Es waren kleine, bunte Blumen,
sprachlos vor dem Wunsch zu rauchen des Schleppers. Sechs
wilde kleine Blumen schmiegen sich an eine kleine offene
Leiche; sie berührt das Geheimnis des Hauches, der wie ein
Prophet aus dem Moore Ghasales kommt.
Die Blumen versteckten das
Geheimnis der Luft in der Erde und weichten die Leiche in
Ghasales Augen ein. Dann fragten sie nach dem Grund der
Beschaffenheit des Wasser und der Erde.
25 Jahre haben Canou gefragt !
25 Jahre haben die Minen
gefragt !
25 Jahre haben die Blumen
gefragt !
25 Jahre dachte niemand daran,
Ghasale zu fragen !
Ahmad Husseyni
7.9.95