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Ein
kritischer Einblick in die Beiträge der „Kurdischen Studien 4+5“
Judith Wolf

Die Doppelausgabe der Zeitschrift „Kurdische Studien“ für die Jahre
2004 und 2005 erscheint zwar mit erheblicher Verspätung,
nichtsdestotrotz bietet sie eine Reihe von interessanten Beiträgen
aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen.
Eine schlüssige, insbesondere für ethnolinguistisch Interessierte
lesenswerte Studie von Erik John Anonby befasst sich mit der Sprache
und Identität der Laki. Diese Bevölkerungsgruppe ist im Südwesten
des Iran und Südosten des Irak, an der ethnolinguistischen Grenze
zwischen Kurdisch und Lurisch beheimatet. Die bisher ausgesprochen
begrenzte Literatur zu den Laki liefert widersprüchliche Angaben zu
ihrer sprachlichen und ethnischen Identität, die von den einen als
lakisch, von den anderen als kurdisch und wieder anderen als lurisch
klassifiziert wird. Um diese gegensätzlichen Zuschreibungen
verstehen zu können, differenziert Anonby zwischen Pish-e Kuh Laki
und Pisht-e Kuh Laki. Im weiteren Verlauf der Arbeit beleuchtet er
den Status der vorwiegend in der iranischen Provinz Luristan
lebenden Pish-e-Kuh-Laki-Sprecher. Sie selbst definieren sich
ethnisch als Luren, ihre Sprache jedoch, so das Fazit der Studie,
ist eine nordwestiranische und genetisch eng mit dem Kurdischen
verwandt.
Wenig erfreulich ist dagegen der Aufsatz von Hüseyin Ağuiçenoğlu
über den Roman als Medium der Geschichtskonstruktion, in dem er die
historischen Romane Mehmed Uzuns als kurdischnationalistische
Gegenkonstruktion zur türkischen Geschichtsschreibung postuliert.
Zwar erläutert er, dass die drei von ihm als historisch
klassifizierten Romane Uzuns reale, historische wie auch fiktive
Momente enthalten, doch bleibt – einmal abgesehen davon, dass die
Konstruiertheit jeglichen Geschichtsbildes ohnehin zum derzeitigen
akademischen Konsens gehört – unklar, wie er Geschichtskonstruktion
überhaupt definiert und woran er sie in den betrachteten Romanen
konkret festmacht. Gerade in Hinblick auf dieses Thema unterlässt
Ağuiçenoğlu jegliche methodisch fundierte Analyse der Texte.
Eine schöne und stringente Arbeit liefern Bülent Küçük & Olivier
Grojean mit einer Analyse des ambivalenten Transformationsprozesses
der kurdischen Teilbewegung PKK resp. KADEK, Kongra-Gel seit der
Verhaftung Abdullah Öcalans 1999. Sie gehen der Frage nach, wie es
der PKK nach diesem Ereignis und der Abkehr von dem sie bestimmenden
Element, dem bewaffneten Kampf, gelingen konnte, die Partei
zusammenzuhalten und ihre Entwicklung als bruchlos und logisch zu
definieren. Zunächst richten sie ihren Blick auf die Begriffe,
Symbole, narrativen und argumentativen Strategien, die den neuen
Diskurs der Bewegung bestimmen. Des Weiteren untersuchen sie, wie
sich die diskursive Transformation auf die Aktionsformen der
Organisation auswirkt und welche Widersprüche daraus erwachsen. Die
Autoren arbeiten Differenz, Ambivalenz und Kontingenz in den sich
transformierenden diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken heraus
und rekonstruieren dabei, wie sich das Charisma Öcalans bzw. der
Öcalan-Mythos innerhalb der Organisation konstituiert.
Anhand einiger Fallstudien befasst sich Joost Jongerden mit der
Wieder- bzw. Neubesiedlung der durch das türkische Militär und
„Dorfschützer“ in den 1990er Jahren entvölkerten und zerstörten
Dörfer. Seit 1999 zog eine signifikante Anzahl von Menschen auf
eigene Kosten in diese Ortschaften. In Jongerdens Studie geht es
explizit um die bisher weniger in Betracht gezogenen sozialen
Aspekte dieses Siedlungsprozesses in Abhängigkeit von den jeweiligen
lokalen Gegebenheiten. Dabei geht er auch auf historische
Zusammenhänge ein, wie zum Beispiel das Aufscheinen eines
armenischen Hintergrundes der Dörfer in der mündlichen Überlieferung
der Dorfbewohner oder den Versuch der Ansiedlung von Türken etwa aus
Bulgarien im Rahmen der Türkifizierungspolitik. Er kommt zu dem
Schluss, dass der Begriff der Rückkehr mit Vorsicht zu verwenden
ist, denn etliche, die sich in den vormals zwangsevakuierten Dörfern
ansiedeln, sind keine Rückkehrer, sondern lassen sich dort erstmals
nieder. Des Weiteren verdeutlicht Jongerden anschaulich, dass in den
vormals entvölkerten Gebieten trotz der restaurativen Konnotation
der Begriffe Rückkehr und Wiederaufbau neue Siedlungsstrukturen und
-formen entstehen.
Irene Dulz, Siamend Hajo & Eva Savelsberg wenden sich der aktuellen
Situation der Yeziden im Irak zu. Einerseits kommt es spätestens
seit Mitte 2004 vermehrt zu gewalttätigen Übergriffen auf diese
religiöse Minderheit. Andererseits wird sie von PUK und KDP als
politische Klientel intensiv umworben. Dem Bericht liegt eine 2004
vor Ort durchgeführte und 2005 aktualisierte Recherche von Irene
Dulz zu Grunde. Zunächst werden die Übergriffe auf Yeziden im Irak
erläutert. Im Anschluss rückt der überwiegend yezidisch besiedelte,
jedoch von den anderen kurdischen Gebieten im Irak abgeschnittene
Djebel Sindschar in den Blick, der von arabischen, durch sunnitische
Islamisten und Baathisten dominierten Gebieten umgeben ist.
Bezüglich der Yeziden in den kurdisch verwalteten Provinzen setzen
sich die Autoren kritisch mit der „Yezidenpolitik“ der KDP
auseinander. Diesem Beitrag kommt insofern eine besondere Bedeutung
zu, als Yeziden im Irak so gut wie keine Beachtung in der
internationalen Presse finden und sie anders als die Christen des
Landes über keine institutionelle Lobby im Ausland verfügen, die auf
ihre prekäre Lage aufmerksam machen könnte.
Jordi Tejel widmet sich der Rolle des Individuums in der kurdischen
Historiographie. Biografien der Akteure der kurdischen
Nationalbewegung sind notwendig, doch ähneln sie in der Regel eher
Hagiografien, welche die Person so sehr erhöhen, dass ihr Handeln
jeglichem historischen und soziopolitischen Kontext enthoben wird.
Um dies zu vermeiden, darf sich die Recherche, so Tejel, nicht
allein auf die von den politischen Akteuren zur Verfügung gestellten
Informationen stützen, sondern muss andere historische Quellen
einbeziehen und das Handeln der Akteure vor dem soziopolitischen
Hintergrund ihrer Zeit analysieren. Einen solchen Versuch unternimmt
der Autor anhand der Rekonstruktion der Biografie Osman Sebrîs.
Zunächst wertet er historische Quellen aus der Zeit des
französischen Mandats in Syrien und im Libanon aus, die bisher
vernachlässigte Aspekte des Lebens Osman Sebrîs erhellen und eine
Neubewertung seiner politischen Aktivitäten zwischen 1929 und 1946
ermöglichen. Unter Rekurs auf das kurdische intellektuelle Milieu in
Syrien verdeutlicht Tejel die Vorteile eines soziologischen und
weniger individualisierenden Ansatzes für Studien über die Akteure
der kurdischen Nationalbewegung. Er relativiert so das fast
mythische Bild vom Aktivisten und zeichnet stattdessen ein
komplexes, bewegtes und auch sehr menschliches Portrait Osman Sebrîs.
Dieser Ansatz von Jordi Tejel ist meines Erachtens gerade für den
aktuellen Diskurs der Intellektuellen aus Westkurdistan über Şêx
Meşûq Xiznawî, der durchaus Kontroversen über den Umgang mit der
Person und seiner geistigen Hinterlassenschaft aufweist, von
besonderer Relevanz. Zweifelsohne war Şêx Meşûq eine außergewöhnlich
charismatische und sympathische Persönlichkeit. Nichtsdestotrotz war
sein politisches Handeln und seine bedeutende Rolle für die
kurdische Nationalbewegung in Syrien erst im Kontext konkreter
politischer Ereignisse, bestimmter Tendenzen in der breiteren
westkurdischen Bevölkerung, seines intellektuellen Umfeldes,
insbesondere seiner theologisch-philosophischen Prägung und
möglicherweise auch seines belasteten familiären Hintergrundes
überhaupt erst möglich. Eine Aufarbeitung des Lebens Şêx Meşûqs nach
dem von Tejel postulierten soziologischen Ansatz kann eine klare
Verortung seiner Rolle ermöglichen und das geistige Klima unter den
Kurden in bzw. aus Syrien bereichern und ihr politisches Handeln
inspirieren.
Thomas Uwer befasst sich mit der britischen Dampfschiffexpedition
von 1835/36 zur Erkundung des Euphrats unter Leitung von Francis
Rawdon Chesney. Zunächst beschreibt er den Verlauf der Expedition,
die auch durch kurdisches Gebiet führte, und widmet sich dabei
anhand von Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer europäischen
Projektionen des „Orients“. Er konstatiert zu Recht, dass die
indigene Bevölkerung im Blick der Europäer völlig verblasste. Dass
die Aufzeichnungen nach Freilegung von Orientalismen absolut gar
keine ethnografische Information enthielten, halte ich jedoch für
eine übertriebene Behauptung, denn selbst den wenigen von Uwer
zitierten Passagen sind solche, wenn auch spärlich, zu entnehmen.
Die Euphratexpedition markiert, so der Autor weiterhin, obgleich sie
sich als gescheitertes Unternehmen entpuppte, den Beginn imperialer
Verwicklung in Mesopotamien und im Irak, die zumindest anfangs eher
dem Zufall als konkreten Interessen an den Bodenschätzen und der
Arbeitskraft der Region geschuldet gewesen sei. Als
charakteristisches Merkmal für den Beginn des „imperialistischen
Zeitalters“ benennt Uwer eine Verknüpfung aus schlechter
Vorbereitung, Ignoranz gegenüber der indigenen Bevölkerung und
Scheitern. Er postuliert eine neue Geschichtsschreibung, welche
dieses Charakteristikum reflektieren soll. Insgesamt betrachtet ist
dieser Beitrag zwar durchaus interessant, doch trotz seiner
sachlichen Argumentationslinie wirkt Uwers Tonfall streckenweise
leicht polemisch und sein Herangehen ein klein wenig
ideologiebelastet, was ein Blick in seine Literaturliste bestätigt,
im Kontext eines historischen Gegenstandes und insbesondere einer
wissenschaftlichen Zeitschrift nun aber etwas unangemessen ist.
Eine fundierte und ausgesprochen schöne Arbeit ist die kleine
Geschichte der Stadt Amadiya von Birgit Ammann. Der ehemalige Sitz
des Fürstentums Bahdinan im Süden Kurdistans, im heutigen
irakisch-türkischen Grenzgebiet gelegen, hat eine durchaus
wechselvolle und interessante Geschichte aufzuweisen. Zudem galt und
gilt die Stadt aufgrund ihrer reizvollen Umgebung, ihres
Wasserreichtums und ihres angenehmen Klimas als Erholungsort und
touristischer Anziehungspunkt und wird als solcher in der
mittlerweile relativ sicheren, wirtschaftlich aufstrebenden Region
vermutlich noch ein bedeutende Rolle spielen. Doch liegen bis heute,
so die Autorin, keine Arbeiten in europäischer Sprache vor, die sich
der Stadt und dem Fürstentum widmen. So möchte Ammann mit ihrem
Aufsatz einen Anfang machen und eine Basis für zukünftige
archäologische, kunsthistorische, ethnologische und soziologische
Forschung über die Region liefern. Dabei stützt sie sich auf
zahlreiche europäische Reiseberichte bis Anfang des 20. Jahrhunderts
und zum Teil, soweit sie ihr zugänglich waren, auf kurdische,
osmanische und arabische Quellen. Hinzu kommen Ergebnisse ihrer
eigenen Feldforschung während regelmäßiger Aufenthalte von 1991 bis
2003 und hochinteressantes, zu einem großen Teil historisches
Bildmaterial. Neben dem Versuch der Aufstellung der Reihe von
Herrschern und Erläuterungen ihrer inneren wie äußeren politischen
resp. kriegerischen Verwicklungen richtet Ammann ein besonderes
Augenmerk auf die jüdische und christliche Bevölkerung der Stadt,
aber auch auf die Überreste historischer Bauwerke. Besondere
Aufmerksamkeit schenkt sie auch dem Aufstand gegen die Briten von
1919, der Zeit unter Saddam Hussein und dem Zeitraum von der
Schutzzone bis in die Gegenwart. Es ist durchaus nicht übertrieben
zu behaupten, dass dieser Aufsatz zum Bestand einer jeden
kurdologischen Bibliothek gehören sollte.
Ergänzt wird dieser grundlegende Aufsatz durch eine ebenfalls von
Birgit Ammann zusammengestellte, nicht minder interessante
Dokumentation, in der sie Amateuraufnahmen aus dem Umfeld des
Sommercamps der britischen Royal Air Force „Ser Amadia“ präsentiert.
Dieser Urlaubsstandort, den die Royal Air Force im Zeitraum von 1931
und 1954 unterhielt, lag in den Metinbergen oberhalb der Kleinstadt
Amadiya.
Eine weitere Dokumentation stellt Sebastian Cwiklinski in Form einer
kommentierten Übersetzung eines von Kanat Kurdoev verfassten
Aufsatzes zur Geschichte der Kurdologie im zaristischen Russland
bereit. Dieser lesenswerte Beitrag erlaubt eine Vorstellung von den
Forschungsschwerpunkten der russischen Kurdologie, mit der sich
westeuropäische Kurdologen bisher kaum auseinandersetzen.
Angesichts dessen, dass diese Ausgabe der „Kurdischen Studien“
Beiträge von zwei Jahren beinhaltet, fällt die Anzahl von fünf
Rezensionen und zwei Tagungsberichte meines Erachtens doch ein wenig
zu gering aus. Besonders empfehlenswert ist jedenfalls Birgit
Ammanns Kritik an Martin Strohmeiers für wissenschaftliches Arbeiten
völlig unangebrachter, negativer Voreingenommenheit gegenüber
Kurden.
Dass die Redaktion der “Kurdischen Studien“, die ansonsten gute
Lektoratsarbeit leistet, in meinen eigenen beiden Rezensionen
(Judith Wolf) den Begriff „Mittlerer Osten“ durchgängig durch „Naher
Osten“ ersetzt hat, ist insofern irritierend als ich mir bei der
Wahl des Begriffes durchaus etwas gedacht habe. Ich beziehe mich
dabei auf einen eigentlich aus der britischen Kolonialverwaltung
stammenden Begriff, der für kurdologisches Arbeiten insofern
relevant ist, als er eine Region bezeichnet, die sich vom Atlas bis
zum Indus erstreckt und mehr oder weniger genau ein Gebiet von
Gesellschaften abdeckt, deren soziale Strukturen denen in Kurdistan
weitgehend verwandt sind. Einen weniger kolonial belasteten Begriff
für dieses Gebiet gibt es bisher nicht und er bietet einen
sinnvollen, unter Ethnologen auch gebräuchlichen Bezugsrahmen, den
die ebenso wenig modernen, deutsch definierten Regionen „Naher
Osten“ und „Mittlerer Osten“ einzeln nicht annähernd abdecken.
Spätestens dort, wo ich mich auf Paschtunen beziehe, die nun auch
nach deutscher Definition wirklich nicht im Nahen Osten leben, hätte
der Redaktion klar sein müssen, dass der von mir gewählte Begriff
„Mittlerer Osten“ (britische Definition) einzig durch eine
Zusammenfassung „Naher und Mittlerer Osten“ (deutsche Definition)
sinnvoll und akzeptabel gewesen wäre.
Ausgesprochen hilfreich für die kurdologische Literaturrecherche ist
die umfangreich angelegte Zeitschriftenschau, die eine Fülle von
Themen abdeckt.
Alles in allem und nicht zuletzt wegen der Beiträge von Birgit
Ammann hinterlässt diese Ausgabe der „Kurdischen Studien“ einen sehr
gelungenen Eindruck.
Kurdische Studien 4+5 (2004/2005) / Europäisches Zentrum für
Kurdische Studien. – 344 S. : Ill. – ISSN 1617-5417: EUR 22,50.
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