rojava.net

Wednesday, 27 June 2007 23:42


 

 

Ein kritischer Einblick in die Beiträge der „Kurdischen Studien 4+5“
Judith Wolf



Die Doppelausgabe der Zeitschrift „Kurdische Studien“ für die Jahre 2004 und 2005 erscheint zwar mit erheblicher Verspätung, nichtsdestotrotz bietet sie eine Reihe von interessanten Beiträgen aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen.

Eine schlüssige, insbesondere für ethnolinguistisch Interessierte lesenswerte Studie von Erik John Anonby befasst sich mit der Sprache und Identität der Laki. Diese Bevölkerungsgruppe ist im Südwesten des Iran und Südosten des Irak, an der ethnolinguistischen Grenze zwischen Kurdisch und Lurisch beheimatet. Die bisher ausgesprochen begrenzte Literatur zu den Laki liefert widersprüchliche Angaben zu ihrer sprachlichen und ethnischen Identität, die von den einen als lakisch, von den anderen als kurdisch und wieder anderen als lurisch klassifiziert wird. Um diese gegensätzlichen Zuschreibungen verstehen zu können, differenziert Anonby zwischen Pish-e Kuh Laki und Pisht-e Kuh Laki. Im weiteren Verlauf der Arbeit beleuchtet er den Status der vorwiegend in der iranischen Provinz Luristan lebenden Pish-e-Kuh-Laki-Sprecher. Sie selbst definieren sich ethnisch als Luren, ihre Sprache jedoch, so das Fazit der Studie, ist eine nordwestiranische und genetisch eng mit dem Kurdischen verwandt.

Wenig erfreulich ist dagegen der Aufsatz von Hüseyin Ağuiçenoğlu über den Roman als Medium der Geschichtskonstruktion, in dem er die historischen Romane Mehmed Uzuns als kurdischnationalistische Gegenkonstruktion zur türkischen Geschichtsschreibung postuliert. Zwar erläutert er, dass die drei von ihm als historisch klassifizierten Romane Uzuns reale, historische wie auch fiktive Momente enthalten, doch bleibt – einmal abgesehen davon, dass die Konstruiertheit jeglichen Geschichtsbildes ohnehin zum derzeitigen akademischen Konsens gehört – unklar, wie er Geschichtskonstruktion überhaupt definiert und woran er sie in den betrachteten Romanen konkret festmacht. Gerade in Hinblick auf dieses Thema unterlässt Ağuiçenoğlu jegliche methodisch fundierte Analyse der Texte.

Eine schöne und stringente Arbeit liefern Bülent Küçük & Olivier Grojean mit einer Analyse des ambivalenten Transformationsprozesses der kurdischen Teilbewegung PKK resp. KADEK, Kongra-Gel seit der Verhaftung Abdullah Öcalans 1999. Sie gehen der Frage nach, wie es der PKK nach diesem Ereignis und der Abkehr von dem sie bestimmenden Element, dem bewaffneten Kampf, gelingen konnte, die Partei zusammenzuhalten und ihre Entwicklung als bruchlos und logisch zu definieren. Zunächst richten sie ihren Blick auf die Begriffe, Symbole, narrativen und argumentativen Strategien, die den neuen Diskurs der Bewegung bestimmen. Des Weiteren untersuchen sie, wie sich die diskursive Transformation auf die Aktionsformen der Organisation auswirkt und welche Widersprüche daraus erwachsen. Die Autoren arbeiten Differenz, Ambivalenz und Kontingenz in den sich transformierenden diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken heraus und rekonstruieren dabei, wie sich das Charisma Öcalans bzw. der Öcalan-Mythos innerhalb der Organisation konstituiert.

Anhand einiger Fallstudien befasst sich Joost Jongerden mit der Wieder- bzw. Neubesiedlung der durch das türkische Militär und „Dorfschützer“ in den 1990er Jahren entvölkerten und zerstörten Dörfer. Seit 1999 zog eine signifikante Anzahl von Menschen auf eigene Kosten in diese Ortschaften. In Jongerdens Studie geht es explizit um die bisher weniger in Betracht gezogenen sozialen Aspekte dieses Siedlungsprozesses in Abhängigkeit von den jeweiligen lokalen Gegebenheiten. Dabei geht er auch auf historische Zusammenhänge ein, wie zum Beispiel das Aufscheinen eines armenischen Hintergrundes der Dörfer in der mündlichen Überlieferung der Dorfbewohner oder den Versuch der Ansiedlung von Türken etwa aus Bulgarien im Rahmen der Türkifizierungspolitik. Er kommt zu dem Schluss, dass der Begriff der Rückkehr mit Vorsicht zu verwenden ist, denn etliche, die sich in den vormals zwangsevakuierten Dörfern ansiedeln, sind keine Rückkehrer, sondern lassen sich dort erstmals nieder. Des Weiteren verdeutlicht Jongerden anschaulich, dass in den vormals entvölkerten Gebieten trotz der restaurativen Konnotation der Begriffe Rückkehr und Wiederaufbau neue Siedlungsstrukturen und -formen entstehen.

Irene Dulz, Siamend Hajo & Eva Savelsberg wenden sich der aktuellen Situation der Yeziden im Irak zu. Einerseits kommt es spätestens seit Mitte 2004 vermehrt zu gewalttätigen Übergriffen auf diese religiöse Minderheit. Andererseits wird sie von PUK und KDP als politische Klientel intensiv umworben. Dem Bericht liegt eine 2004 vor Ort durchgeführte und 2005 aktualisierte Recherche von Irene Dulz zu Grunde. Zunächst werden die Übergriffe auf Yeziden im Irak erläutert. Im Anschluss rückt der überwiegend yezidisch besiedelte, jedoch von den anderen kurdischen Gebieten im Irak abgeschnittene Djebel Sindschar in den Blick, der von arabischen, durch sunnitische Islamisten und Baathisten dominierten Gebieten umgeben ist. Bezüglich der Yeziden in den kurdisch verwalteten Provinzen setzen sich die Autoren kritisch mit der „Yezidenpolitik“ der KDP auseinander. Diesem Beitrag kommt insofern eine besondere Bedeutung zu, als Yeziden im Irak so gut wie keine Beachtung in der internationalen Presse finden und sie anders als die Christen des Landes über keine institutionelle Lobby im Ausland verfügen, die auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen könnte.

Jordi Tejel widmet sich der Rolle des Individuums in der kurdischen Historiographie. Biografien der Akteure der kurdischen Nationalbewegung sind notwendig, doch ähneln sie in der Regel eher Hagiografien, welche die Person so sehr erhöhen, dass ihr Handeln jeglichem historischen und soziopolitischen Kontext enthoben wird. Um dies zu vermeiden, darf sich die Recherche, so Tejel, nicht allein auf die von den politischen Akteuren zur Verfügung gestellten Informationen stützen, sondern muss andere historische Quellen einbeziehen und das Handeln der Akteure vor dem soziopolitischen Hintergrund ihrer Zeit analysieren. Einen solchen Versuch unternimmt der Autor anhand der Rekonstruktion der Biografie Osman Sebrîs. Zunächst wertet er historische Quellen aus der Zeit des französischen Mandats in Syrien und im Libanon aus, die bisher vernachlässigte Aspekte des Lebens Osman Sebrîs erhellen und eine Neubewertung seiner politischen Aktivitäten zwischen 1929 und 1946 ermöglichen. Unter Rekurs auf das kurdische intellektuelle Milieu in Syrien verdeutlicht Tejel die Vorteile eines soziologischen und weniger individualisierenden Ansatzes für Studien über die Akteure der kurdischen Nationalbewegung. Er relativiert so das fast mythische Bild vom Aktivisten und zeichnet stattdessen ein komplexes, bewegtes und auch sehr menschliches Portrait Osman Sebrîs.

Dieser Ansatz von Jordi Tejel ist meines Erachtens gerade für den aktuellen Diskurs der Intellektuellen aus Westkurdistan über Şêx Meşûq Xiznawî, der durchaus Kontroversen über den Umgang mit der Person und seiner geistigen Hinterlassenschaft aufweist, von besonderer Relevanz. Zweifelsohne war Şêx Meşûq eine außergewöhnlich charismatische und sympathische Persönlichkeit. Nichtsdestotrotz war sein politisches Handeln und seine bedeutende Rolle für die kurdische Nationalbewegung in Syrien erst im Kontext konkreter politischer Ereignisse, bestimmter Tendenzen in der breiteren westkurdischen Bevölkerung, seines intellektuellen Umfeldes, insbesondere seiner theologisch-philosophischen Prägung und möglicherweise auch seines belasteten familiären Hintergrundes überhaupt erst möglich. Eine Aufarbeitung des Lebens Şêx Meşûqs nach dem von Tejel postulierten soziologischen Ansatz kann eine klare Verortung seiner Rolle ermöglichen und das geistige Klima unter den Kurden in bzw. aus Syrien bereichern und ihr politisches Handeln inspirieren.

Thomas Uwer befasst sich mit der britischen Dampfschiffexpedition von 1835/36 zur Erkundung des Euphrats unter Leitung von Francis Rawdon Chesney. Zunächst beschreibt er den Verlauf der Expedition, die auch durch kurdisches Gebiet führte, und widmet sich dabei anhand von Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer europäischen Projektionen des „Orients“. Er konstatiert zu Recht, dass die indigene Bevölkerung im Blick der Europäer völlig verblasste. Dass die Aufzeichnungen nach Freilegung von Orientalismen absolut gar keine ethnografische Information enthielten, halte ich jedoch für eine übertriebene Behauptung, denn selbst den wenigen von Uwer zitierten Passagen sind solche, wenn auch spärlich, zu entnehmen. Die Euphratexpedition markiert, so der Autor weiterhin, obgleich sie sich als gescheitertes Unternehmen entpuppte, den Beginn imperialer Verwicklung in Mesopotamien und im Irak, die zumindest anfangs eher dem Zufall als konkreten Interessen an den Bodenschätzen und der Arbeitskraft der Region geschuldet gewesen sei. Als charakteristisches Merkmal für den Beginn des „imperialistischen Zeitalters“ benennt Uwer eine Verknüpfung aus schlechter Vorbereitung, Ignoranz gegenüber der indigenen Bevölkerung und Scheitern. Er postuliert eine neue Geschichtsschreibung, welche dieses Charakteristikum reflektieren soll. Insgesamt betrachtet ist dieser Beitrag zwar durchaus interessant, doch trotz seiner sachlichen Argumentationslinie wirkt Uwers Tonfall streckenweise leicht polemisch und sein Herangehen ein klein wenig ideologiebelastet, was ein Blick in seine Literaturliste bestätigt, im Kontext eines historischen Gegenstandes und insbesondere einer wissenschaftlichen Zeitschrift nun aber etwas unangemessen ist.

Eine fundierte und ausgesprochen schöne Arbeit ist die kleine Geschichte der Stadt Amadiya von Birgit Ammann. Der ehemalige Sitz des Fürstentums Bahdinan im Süden Kurdistans, im heutigen irakisch-türkischen Grenzgebiet gelegen, hat eine durchaus wechselvolle und interessante Geschichte aufzuweisen. Zudem galt und gilt die Stadt aufgrund ihrer reizvollen Umgebung, ihres Wasserreichtums und ihres angenehmen Klimas als Erholungsort und touristischer Anziehungspunkt und wird als solcher in der mittlerweile relativ sicheren, wirtschaftlich aufstrebenden Region vermutlich noch ein bedeutende Rolle spielen. Doch liegen bis heute, so die Autorin, keine Arbeiten in europäischer Sprache vor, die sich der Stadt und dem Fürstentum widmen. So möchte Ammann mit ihrem Aufsatz einen Anfang machen und eine Basis für zukünftige archäologische, kunsthistorische, ethnologische und soziologische Forschung über die Region liefern. Dabei stützt sie sich auf zahlreiche europäische Reiseberichte bis Anfang des 20. Jahrhunderts und zum Teil, soweit sie ihr zugänglich waren, auf kurdische, osmanische und arabische Quellen. Hinzu kommen Ergebnisse ihrer eigenen Feldforschung während regelmäßiger Aufenthalte von 1991 bis 2003 und hochinteressantes, zu einem großen Teil historisches Bildmaterial. Neben dem Versuch der Aufstellung der Reihe von Herrschern und Erläuterungen ihrer inneren wie äußeren politischen resp. kriegerischen Verwicklungen richtet Ammann ein besonderes Augenmerk auf die jüdische und christliche Bevölkerung der Stadt, aber auch auf die Überreste historischer Bauwerke. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie auch dem Aufstand gegen die Briten von 1919, der Zeit unter Saddam Hussein und dem Zeitraum von der Schutzzone bis in die Gegenwart. Es ist durchaus nicht übertrieben zu behaupten, dass dieser Aufsatz zum Bestand einer jeden kurdologischen Bibliothek gehören sollte.

Ergänzt wird dieser grundlegende Aufsatz durch eine ebenfalls von Birgit Ammann zusammengestellte, nicht minder interessante Dokumentation, in der sie Amateuraufnahmen aus dem Umfeld des Sommercamps der britischen Royal Air Force „Ser Amadia“ präsentiert. Dieser Urlaubsstandort, den die Royal Air Force im Zeitraum von 1931 und 1954 unterhielt, lag in den Metinbergen oberhalb der Kleinstadt Amadiya.

Eine weitere Dokumentation stellt Sebastian Cwiklinski in Form einer kommentierten Übersetzung eines von Kanat Kurdoev verfassten Aufsatzes zur Geschichte der Kurdologie im zaristischen Russland bereit. Dieser lesenswerte Beitrag erlaubt eine Vorstellung von den Forschungsschwerpunkten der russischen Kurdologie, mit der sich westeuropäische Kurdologen bisher kaum auseinandersetzen.

Angesichts dessen, dass diese Ausgabe der „Kurdischen Studien“ Beiträge von zwei Jahren beinhaltet, fällt die Anzahl von fünf Rezensionen und zwei Tagungsberichte meines Erachtens doch ein wenig zu gering aus. Besonders empfehlenswert ist jedenfalls Birgit Ammanns Kritik an Martin Strohmeiers für wissenschaftliches Arbeiten völlig unangebrachter, negativer Voreingenommenheit gegenüber Kurden.

Dass die Redaktion der “Kurdischen Studien“, die ansonsten gute Lektoratsarbeit leistet, in meinen eigenen beiden Rezensionen (Judith Wolf) den Begriff „Mittlerer Osten“ durchgängig durch „Naher Osten“ ersetzt hat, ist insofern irritierend als ich mir bei der Wahl des Begriffes durchaus etwas gedacht habe. Ich beziehe mich dabei auf einen eigentlich aus der britischen Kolonialverwaltung stammenden Begriff, der für kurdologisches Arbeiten insofern relevant ist, als er eine Region bezeichnet, die sich vom Atlas bis zum Indus erstreckt und mehr oder weniger genau ein Gebiet von Gesellschaften abdeckt, deren soziale Strukturen denen in Kurdistan weitgehend verwandt sind. Einen weniger kolonial belasteten Begriff für dieses Gebiet gibt es bisher nicht und er bietet einen sinnvollen, unter Ethnologen auch gebräuchlichen Bezugsrahmen, den die ebenso wenig modernen, deutsch definierten Regionen „Naher Osten“ und „Mittlerer Osten“ einzeln nicht annähernd abdecken. Spätestens dort, wo ich mich auf Paschtunen beziehe, die nun auch nach deutscher Definition wirklich nicht im Nahen Osten leben, hätte der Redaktion klar sein müssen, dass der von mir gewählte Begriff „Mittlerer Osten“ (britische Definition) einzig durch eine Zusammenfassung „Naher und Mittlerer Osten“ (deutsche Definition) sinnvoll und akzeptabel gewesen wäre.

Ausgesprochen hilfreich für die kurdologische Literaturrecherche ist die umfangreich angelegte Zeitschriftenschau, die eine Fülle von Themen abdeckt.

Alles in allem und nicht zuletzt wegen der Beiträge von Birgit Ammann hinterlässt diese Ausgabe der „Kurdischen Studien“ einen sehr gelungenen Eindruck.


Kurdische Studien 4+5 (2004/2005) / Europäisches Zentrum für Kurdische Studien. – 344 S. : Ill. – ISSN 1617-5417: EUR 22,50.

Kurdische Studien 4+5 (2004/2005) kann bestellt werden über:
http://www.kurdologie.de/shop.htm
(Bitte die Versand- und Zahlungsoptionen für In- und Ausland beachten)

Die Redaktion der Zeitschrift kann kontaktiert werden unter:
Europäisches Zentrum für Kurdische Studien
Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e.V.
Emser Straße 26
12051 Berlin
Tel.: 030 - 62 60 70 32
E-Mail: redaktion@kurdische-studien.de 






 


 

 

 



 

 


ji bilî nivîsên ku bi navê Hevgirtina rewşenbîran û bi navê malpera
rojava. netê werin weşandin, her nivîskarek berpirsê naveroka nivîsa xwe ye!

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


HEVGIRTINA REWŞENBÎRÊN KURDÊN ROJAVA LI DERVE