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Endschlacht um Damaskus

rojava.net 29.10.2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 


ABDALLAH OSMAN


Schluckt Amerika Syrien ... lebendig?
Eine Analyse aus kurdischer Sicht zum Umbruch des Vorderen Orients

Syriens junger Präsident Bashar al-Assad leitete seit dem 10. Juni 2000 die Anpassung des politischen Systems seines Landes an Erfordernissen des globalen Wandels ein. Einiges hat sich dort tatsächlich im sozialdemokratischen Sinne verändern wollen. Doch wie schon oft in der Menschheitsgeschichte da schlug am 11.09.2001 ein unterschätzter Blitz Ben Ladens mitten in Weltmachtgeltungen ein; Roms Erbe USA zogen erhobenen Hauptes in die Region ein; der anfänglich lockere Boden ist zwar härter geworden, dennoch nach Kabul und Bagdad frohlockt nun Amerikas liebste Stadt im Mittelosten: Damaskus!

Damaskus ist seit deren Anfängen mit Kurden sehr eng verbunden. Das Wort Damaskus bzw. Dimashq heißt auf Kurdisch Diyarê Meşqê und bedeutet etwa Land des Asyls, Flucht oder Fremden. Kurdische Mystik erzählt von einem Mythos über eine Endschlacht von Damaskus. Diesen Mythos habe ich als Kind in den 1960er Jahren von yezidisch-alawitischen Gelehrten im syrischen Kurdenberg wiederholt erzählen gehört. Demnach werde es viele Kriege um heilige Orte geben, die Angreifer werden sie schließlich alle erobern – bis auf Damaskus! Um diesen Nabel des Globus werde es dann eine langjährige, globale Endschlacht geben, am deren Ende die Angreifer gedemütigt das Feld verlassen würden.

Die USA, Großbritannien und Frankreich glauben, sie haben jetzt mit dem UNO-Bericht über den Mordanschlag auf R. Al-Hariri in Beirut am 14.02.2005 die leichteste Handwaffe erhalten, mit der sie Assads Syrien lebendig einverleiben können. Doch der Mensch ist von der Natur und nur diese bestimmt die Regeln. Saddam und Assad mit ihren Baath-Regimes waren bislang eigentlich die besseren Garanten für die USA, GB und Frankreich im Mittelosten. British Empire, welches gar ab dem Ersten Weltkrieg Araber aus Süden holte und ihnen Syrien und Irak gab, führt heute Krieg gegen eigenes Vermächtnis. Fällt demnächst GBs arabistisches Bollwerk in Damaskus, dann stürzt Syrien in multipolare, versprengte Teilchen, deren Wieder-Gruppierungen nur in einem geänderten Mittelosten, gar in einer veränderten Weltlage - per Siegerdiktate oder UNO-Beschlüsse - möglich sein könnten

Obwohl Bushs Amerika sehr entschlossen ist, wird es keine Besatzungsintervention in Syrien a la Irak geben. Weder Amerikaner, Juden oder Syrer wollen es zum frontalen Krieg ankommen lassen. Der zunehmende UNO-Druck wird aber sicherlich dazu führen, dass die wichtigsten noch verbleibenden Falken des Baath-Regimes amputiert werden, so dass dann von ihm nur noch ein durchlöchertes Skelett verbleibt, welches amerikanische Stützen und Order annehmen wird.

Die syrische Bevölkerung ist derzeit sehr beunruhigt und erwartet ungeduldig eine eher pro-amerikanische Wende ihrer Regierung. Tritt dies ein, erspart man sich vorerst Krieg und Elend und kann Atem einholen. Das wird auch so sein, denn keine ethnische, religiöse oder politische Gemeinschaft wird Syrien intern als erstes Amerika Paroli anbieten. Die Syrer insgesamt werden im Ernstfall wohl kaum kämpfen; die meisten von ihnen würden eher den weltlichen Genuss als einen schnellen Trip ins Paradies bevorzugen. Es gibt auch keine (mittlere) Weltmacht, Russland und Iran nicht mehr, die BRD und Türkei zögernd, die es mit diesem Syrien gegen die USA wagen würde. Selbst die Arabische Liga lässt Assads Syrien im Stich.

Der Mittlere Osten einschließlich Syriens fällt also vollständig unter die Kontrolle der USA. Eine Endschlacht um Damaskus wird es wohl mit Bush und Assad nicht geben. Nach Irak und Libanon wird auch Syrien wieder zum Partner Amerikas – wie zuvor bis 1958. Dann endet tatsächlich die 40 jährige Baath-Diktatur einschließlich der 30 jährigen Assad-Dynastie. In der neuen politischen Ordnung des Mittleren Ostens – vorausgesetzt es kommt nicht zu globalem Krieg wegen Damaskus - hätten dann sowohl der Panarabismus wie auch der Zionismus kapituliert, ausgedient. Juden würden dann in der ganzen Region, so auch in Syrien, wieder Heimat finden können und (nationalistische) Araber werden ihre Arabisierungsmaßnahmen gegen Kurden aufgeben müssen. Der Panislamismus genauso wie der Pantürkismus hätten dann noch viel weniger Argumente und Mittel in der Hand, um ihre Wurzeln in der Region noch tiefer zu verzweigen.

Die Bange um Syriens Verfall in bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen nach einem Regime-Sturz bleibt berechtigt und logisch. Doch es gibt vielseitig begründeter Grund zur Hoffnung, dass der Übergang Syriens zu einem freiheitlich-demokratischen Staatswesen langsam, schrittweise und friedlicher als befürchtet von Statten gehen kann. Solche Leviten kann man nach wie vor sowohl den Kontrahenten USA und Syrien wie auch so genannten syrischen Oppositionsbewegungen lesen.

Was Kurden und andere Ethnien und Gemeinschaften im Irak nach Saddams Fall an Grundrechten zuerkannt bekamen, wird es ja wohl in ähnlicher Weise auch im neuen Syrien und Libanon geben müssen. Die Alawiten, zu der Assads Familie gehört, werden sich wie viele andere Teile der syrischen Bevölkerung in Damaskus oder Hama dann offener zu ihrer kurdischen Abstammung bekennen können, ohne dass sie deswegen durch das arabische Baath-Regime drangsaliert würden.
 

 

osmnbdll@aol.com