ABDALLAH OSMAN
Schluckt Amerika Syrien ... lebendig?
Eine Analyse aus kurdischer Sicht zum Umbruch des Vorderen Orients
Syriens junger Präsident Bashar al-Assad leitete seit dem 10. Juni
2000 die Anpassung des politischen Systems seines Landes an
Erfordernissen des globalen Wandels ein. Einiges hat sich dort
tatsächlich im sozialdemokratischen Sinne verändern wollen. Doch wie
schon oft in der Menschheitsgeschichte da schlug am 11.09.2001 ein
unterschätzter Blitz Ben Ladens mitten in Weltmachtgeltungen ein;
Roms Erbe USA zogen erhobenen Hauptes in die Region ein; der
anfänglich lockere Boden ist zwar härter geworden, dennoch nach
Kabul und Bagdad frohlockt nun Amerikas liebste Stadt im
Mittelosten: Damaskus!
Damaskus ist seit deren Anfängen mit Kurden sehr eng verbunden. Das
Wort Damaskus bzw. Dimashq heißt auf Kurdisch Diyarê Meşqê und
bedeutet etwa Land des Asyls, Flucht oder Fremden. Kurdische Mystik
erzählt von einem Mythos über eine Endschlacht von Damaskus. Diesen
Mythos habe ich als Kind in den 1960er Jahren von
yezidisch-alawitischen Gelehrten im syrischen Kurdenberg wiederholt
erzählen gehört. Demnach werde es viele Kriege um heilige Orte
geben, die Angreifer werden sie schließlich alle erobern – bis auf
Damaskus! Um diesen Nabel des Globus werde es dann eine langjährige,
globale Endschlacht geben, am deren Ende die Angreifer gedemütigt
das Feld verlassen würden.
Die USA, Großbritannien und Frankreich glauben, sie haben jetzt mit
dem UNO-Bericht über den Mordanschlag auf R. Al-Hariri in Beirut am
14.02.2005 die leichteste Handwaffe erhalten, mit der sie Assads
Syrien lebendig einverleiben können. Doch der Mensch ist von der
Natur und nur diese bestimmt die Regeln. Saddam und Assad mit ihren
Baath-Regimes waren bislang eigentlich die besseren Garanten für die
USA, GB und Frankreich im Mittelosten. British Empire, welches gar
ab dem Ersten Weltkrieg Araber aus Süden holte und ihnen Syrien und
Irak gab, führt heute Krieg gegen eigenes Vermächtnis. Fällt
demnächst GBs arabistisches Bollwerk in Damaskus, dann stürzt Syrien
in multipolare, versprengte Teilchen, deren Wieder-Gruppierungen nur
in einem geänderten Mittelosten, gar in einer veränderten Weltlage -
per Siegerdiktate oder UNO-Beschlüsse - möglich sein könnten
Obwohl Bushs Amerika sehr entschlossen ist, wird es keine
Besatzungsintervention in Syrien a la Irak geben. Weder Amerikaner,
Juden oder Syrer wollen es zum frontalen Krieg ankommen lassen. Der
zunehmende UNO-Druck wird aber sicherlich dazu führen, dass die
wichtigsten noch verbleibenden Falken des Baath-Regimes amputiert
werden, so dass dann von ihm nur noch ein durchlöchertes Skelett
verbleibt, welches amerikanische Stützen und Order annehmen wird.
Die syrische Bevölkerung ist derzeit sehr beunruhigt und erwartet
ungeduldig eine eher pro-amerikanische Wende ihrer Regierung. Tritt
dies ein, erspart man sich vorerst Krieg und Elend und kann Atem
einholen. Das wird auch so sein, denn keine ethnische, religiöse
oder politische Gemeinschaft wird Syrien intern als erstes Amerika
Paroli anbieten. Die Syrer insgesamt werden im Ernstfall wohl kaum
kämpfen; die meisten von ihnen würden eher den weltlichen Genuss als
einen schnellen Trip ins Paradies bevorzugen. Es gibt auch keine
(mittlere) Weltmacht, Russland und Iran nicht mehr, die BRD und
Türkei zögernd, die es mit diesem Syrien gegen die USA wagen würde.
Selbst die Arabische Liga lässt Assads Syrien im Stich.
Der Mittlere Osten einschließlich Syriens fällt also vollständig
unter die Kontrolle der USA. Eine Endschlacht um Damaskus wird es
wohl mit Bush und Assad nicht geben. Nach Irak und Libanon wird auch
Syrien wieder zum Partner Amerikas – wie zuvor bis 1958. Dann endet
tatsächlich die 40 jährige Baath-Diktatur einschließlich der 30
jährigen Assad-Dynastie. In der neuen politischen Ordnung des
Mittleren Ostens – vorausgesetzt es kommt nicht zu globalem Krieg
wegen Damaskus - hätten dann sowohl der Panarabismus wie auch der
Zionismus kapituliert, ausgedient. Juden würden dann in der ganzen
Region, so auch in Syrien, wieder Heimat finden können und
(nationalistische) Araber werden ihre Arabisierungsmaßnahmen gegen
Kurden aufgeben müssen. Der Panislamismus genauso wie der
Pantürkismus hätten dann noch viel weniger Argumente und Mittel in
der Hand, um ihre Wurzeln in der Region noch tiefer zu verzweigen.
Die Bange um Syriens Verfall in bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen
nach einem Regime-Sturz bleibt berechtigt und logisch. Doch es gibt
vielseitig begründeter Grund zur Hoffnung, dass der Übergang Syriens
zu einem freiheitlich-demokratischen Staatswesen langsam,
schrittweise und friedlicher als befürchtet von Statten gehen kann.
Solche Leviten kann man nach wie vor sowohl den Kontrahenten USA und
Syrien wie auch so genannten syrischen Oppositionsbewegungen lesen.
Was Kurden und andere Ethnien und Gemeinschaften im Irak nach
Saddams Fall an Grundrechten zuerkannt bekamen, wird es ja wohl in
ähnlicher Weise auch im neuen Syrien und Libanon geben müssen. Die
Alawiten, zu der Assads Familie gehört, werden sich wie viele andere
Teile der syrischen Bevölkerung in Damaskus oder Hama dann offener
zu ihrer kurdischen Abstammung bekennen können, ohne dass sie
deswegen durch das arabische Baath-Regime drangsaliert würden.
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