Judith Wolf

Ich bin erstaunt, wirklich sehr erstaunt...
Jahrelang habe ich versucht, mit mehr oder minder schlechtem
Unterrichtsmaterial bei verschiedenen Lehrern Kurdisch zu lernen.
Meine Kurdischlehrer beherrschten ihre Muttersprache, hatten ein
immenses Wissen über ihre grammatischen Strukturen, ihnen lag die
Vermittlung des Kurdischen sichtbar am Herzen. Doch bei aller
anerkennenswerten Mühe verfügte bis auf zwei Ausnahmen keiner von
ihnen auch nur ansatzweise über das notwendige didaktische Können.
Etliche Deutsche, die mit mir im Kurdischunterricht saßen, haben es
nach diversen ernsthaften, doch tendenziell erfolglosen Anläufen
irgendwann aufgegeben.
Diese bittere Lernmüdigkeit spiegelt die Situation der kurdischen
Sprache wider, und umgekehrt hat diese Resignation auch eine
schwerwiegende Auswirkung auf das Kurdische: Kurdisch wird von außen
häufig als eine unnormale, nicht lernbare Sprache wahrgenommen. Das
kann kaum zur Förderung der kurdischen Sprache beitragen.
Worüber bin ich nun so erstaunt?
Ich halte so etwas wie ein Kurmancî-Lernpaket in der Hand. Es
besteht aus einem Lehrbuch, einem Arbeitsbuch und einer CD. Zum
ersten Mal sehe ich Kurdischlehrmaterial, das optisch ansprechend
ist und sich in seiner didaktischen Qualität tatsächlich in einer
Reihe mit guten Sprachlehrbüchern sehen lassen kann. Nichts für
spitzfindige Grammatiker, sondern etwas für ganz normale Menschen,
die Lust haben, eine schöne Sprache zu lernen und auch Spaß dabei
haben wollen. „Kurdî kurmancî 1“ von Evdila Dirêj richtet sich an
Personen ab 14 Jahren, die noch kein Kurdisch können, mit anderen
Worten an Anfänger. Es eignet sich weniger zum Selbststudium,
sondern ist eindeutig als Lehr- und Lernmaterial im Rahmen des
Kurdischunterrichts konzeptioniert.
Interessant ist, dass es vollständig auf Kurdisch verfasst ist. Im
Grunde genommen basiert es auf der gleichen Methode wie etwa die
Deutschkurse für Immigranten. Wer beispielsweise aus Polen nach
Deutschland kommt, lernt Deutsch auf Deutsch von einem
deutschsprachigen Lehrer ohne polnische Erläuterung. Einziges
Hilfsmittel mit Bezug auf die Muttersprache ist in der Regel ein
Wörterbuch. Ich halte diese Methode für sehr sinnvoll, denn je mehr
im Unterricht die Muttersprache oder eine andere dem Lernenden
bereits vertraute Sprache benutzt wird, um so weniger praktiziert er
die zu lernende Sprache. Löst man sich aber beim Lernen vom Denken
der vertrauten Sprache und lässt sich mit allen Sinnen auf die zu
lernende Sprache ein, nimmt man diese schneller und dauerhafter auf.
Man hat einfach nicht die Möglichkeit, in die bisher vertraute
Sprache zu flüchten.
In den meisten Kurdischkursen in Deutschland wird nun aber
ausführlich auf Deutsch über grammatische Spitzfindigkeiten des
Kurdischen diskutiert. Es werden fast ausschließlich lange Texte
gelesen, grammatisch analysiert und vom Kurdischen ins Deutsche
übersetzt, selten umgekehrt. Dialoge werden kaum oder gar nicht
geübt. Man lernt Kurdisch wie Latein – eine Sprache, die nur
gelesen, aber nicht gesprochen wird, eine tote Sprache. Bei solchem
Lernen verkümmert die Fähigkeit, eine Sprache aktiv zu gebrauchen.
Ich kann zwar inzwischen Texte halbwegs gut lesen, kann gelehrte
Gespräche über die kurdische Grammatik führen und beherrsche die
kurdische Rechtschreibung besser als viele Kurden – aber eigentlich
wollte ich nicht Sprachwissenschaftlerin werden, sondern einfach nur
mit meinen Freunden Kurdisch sprechen. Und das kann ich bis heute
nicht wirklich.
Die Hör- und Sprechfähigkeit, die ich tatsächlich erworben habe,
rührt aus den völlig anders konzeptionierten Kursen von Hüseyin
Kartal. (Schade, dass ein so guter Lehrer nicht mehr unterrichtet.)
Im Unterricht, den er größtenteils dialogisch gestaltet, spricht er
ausschließlich Kurdisch. Die Wörter und Sätze wiederholt und spielt
er so oft vor, bis alle sie verstanden haben und adäquate Antworten
geben bzw. unmittelbar in eigenständigen Dialogen untereinander üben
können. Was ich hier gelernt habe, habe ich nicht vergessen. Anders
als nur gelesene, analysierte Texte oder abgelesene, stereotyp
wiederholte Dialoge prägen sich bildhafte Handlung, mehrfach
Gehörtes und selbständig Gesprochenes unmittelbar ein.
Das 10 Lektionen umfassende Lehrbuch von Evdila Dirêj bezieht diese
didaktischen Komponenten ein: Der jeweilige Lernstoff einer Lektion
wird unmittelbar in kurdischer Sprache vermittelt. Durch diverse
Dialoge und Übungen wird das Sprechen in wechselnden, selbständig
kreierbaren Rollen trainiert. Farbliche Hervorhebungen und unzählige
Bilder unterstützen die einprägsame Vermittlung des jeweiligen
Stoffes. Lesetexte sind kurz gehalten und keinesfalls ermüdend. Die
Grammatik wird in kurzen Übersichten anschaulich dargestellt, wobei
die entscheidenden Komponenten farbig markiert sind. Zu jedem
Abschnitt des Lehrbuches bietet das vor allem für Hausaufgaben
vorgesehene Arbeitsbuch passende Übungen, die das Lesen, Schreiben,
Übersetzen und die Grammatik trainieren. Das Lernen mit der CD
unterstützt sowohl das akustische Verstehen als auch die Aussprache
des Kurdischen. Schön ist hierbei, dass zum Teil versucht wird, zum
Beispiel durch Musik eine reale Atmosphäre zu schaffen. Die auf der
CD wiedergegebenen Dialoge sind im Lehrbuch jeweils gekennzeichnet.
Die Lektionen behandeln verschiedene Bereiche des Alltags sowie
geographische, historische, kulturelle und politische Themen aus
Kurdistan, aber auch aus anderen Ländern. Als sehr angenehm empfinde
ich es, dass die Texte und Bilder keine Klischees vom ach so
idyllischen Landleben in Kurdistan vermitteln, sondern eine
weitgefächerte Bandbreite kurdischen Lebens zwischen Tradition und
Moderne, Stadt und Land, Kurdistan und Diaspora. Hierbei fehlt es
nicht an komischen Momenten. Hinzu kommt ein geradezu
kosmopolitisches Flair, indem Persönlichkeiten und Ereignisse aus
der kurdischen Kultur und Politik neben solche aus anderen Ländern
gestellt werden. In den Dialogen treten neben vielen Kurden auch
Joung aus China, Fatîma aus Ägypten, Amadu aus Ghana, Mona aus
Italien und andere auf – unter anderem als Touristen in Kurdistan,
was angesichts der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung
Südkurdistans gar nicht mehr so abwegig ist. Dieser Aspekt
vermittelt ein ausgesprochen wichtiges Gefühl: Kurdisch ist eine für
alle Menschen lernbare und normale Sprache unter vielen anderen
Sprachen, eine schöne Sprache, die zu lernen sich lohnt.
Nichtsdestotrotz gibt es einige Mängel, die benannt werden müssen,
wobei ich meine Kritik ausdrücklich als konstruktiv verstanden
wissen möchte:
In verlagstechnischer Hinsicht fällt auf, dass die ISBN-Nummern
fehlen, was den Vertrieb bzw. Erwerb von „kurdî kurmancî 1“ über
normale Buchläden und ihre Einarbeitung in EDV-gestützte
Bibliothekskataloge so gut wie unmöglich macht. Die Leimbindung der
Bücher ist leider von so schlechter Qualität, dass sie den
Belastungen, denen ein Lehrbuch in der Regel ausgesetzt ist, mit
Sicherheit nicht standhalten kann.
Bei genauerem Betrachten wird man etliche, eher kleinere
Schreibfehler entdecken – das ist unschön und störend, kommt
allerdings in den besten Lehrbüchern für andere Sprachen auch vor.
Hier hätte die redaktionelle Bearbeitung einfach besser organisiert
werden müssen.
Aus nicht nachvollziehbaren Gründen sind die
Kurdisch-Deutsch-Englisch-Listen mit grammatischen Begriffen und
Verben am Ende beider Bücher nicht alphabetisch geordnet und somit
schlichtweg nicht nutzbar.
Die CD hätte definitiv besser gelingen können. Es gibt einige
hervorragend gute Sprecher und Sprecherinnen wie zum Beispiel
Yasemin Bilgin und Şükriye Doğan, die sehr ruhig, deutlich und gut
betont sprechen, was gerade für Anfänger sehr wichtig ist. Einige
sprechen jedoch mit schlechter Betonung und erheblich zu schnell, so
dass man kaum ein Wort vom anderen unterscheiden kann. Das ist für
Anfänger ausgesprochen problematisch: Sätze, deren Wörter man
akustisch nicht von einander getrennt wahrnehmen kann, kann man
schwerlich verstehen oder nachsprechen. Sicherlich ist es unter den
gegebenen Bedingungen so gut wie unmöglich, wirklich professionelle
Sprecherinnen und Sprecher zu finden. Doch gibt es durchaus viele
Kurdinnen und Kurden, die ihre Sprache so schön lesen können, dass
sie für die Aufnahme einer Sprach-CD geradezu prädestiniert sind.
Des Weiteren hätte es der CD nicht zum Schlechten gereicht, wenn die
Dialoge wiederholt bzw. aktive Übungen eingebaut worden wären.
Nichtsdestotrotz halte ich das Verwenden der CD für ausgesprochen
sinnvoll, denn in jedem Fall ist das Hören für das Sprechen
unerlässlich.
Das didaktische Konzept des Buches verliert durch die benannten
Mängel keinesfalls an Wert. Alles in allem und bei aller Kritik ist
das Kurmancî-Lehrbuch von Evdila Dirêj einschließlich Arbeitsbuch
und CD ein enormer Schritt vorwärts im Bemühen um die Vermittlung
der kurdischen Sprache. Es setzt einen Maßstab in der didaktischen
Konzeption von Kurdischlehrbüchern, hinter den man auf keinen Fall
zurückfallen darf, wenn die kurdische Sprache tatsächlich lernbar
und auch für Nicht-Muttersprachler dauerhaft interessant sein soll.
Vielmehr sollte es als Ausgangsbasis für weitere Entwicklungen in
der Lehre der kurdischen Sprache betrachtet werden. Wenn
Kurdischlehrerinnen und -lehrer ihrem Unterricht das didaktische
Konzept dieses Buches zu Grunde legen, werden ihre Schülerinnen und
Schüler wesentlich mehr Spaß am Lernen und bessere Lernerfolge
haben.
Evdila Dirêj 2005: kurdî kurmancî 1: pirtûka xwendinê (Lehrbuch)
; Farbe ; 155 S. + kurdî kurmancî 1: pirtûka hîndariyê (Arbeitsbuch)
; schwarz-weiß ; 139 S. + kurdî kurmancî 1: CDya guhdarîkirinê
(Audio-CD): 57 Gespräche. Dilop Verlag ; € 25.
Kurdî kurmancî 1 (Lehrbuch, Arbeitsbuch,
Audio-CD) ist als Paket für € 25,- zuzüglich Porto € 5,- erhältlich
über:
Dilop Verlag, Selim Büsse
Postfach: 302211
10753 Berlin
Der Versand erfolgt nach Eingang des entsprechenden Betrages:
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