Feras Oskan
I-Einleitung zum Staatswesen:
Thomas Hobbes, der Theoretiker des modernen Staates, hat bereits den
Entstehungszusammenhang von Gewalt und politischer Herrschaft
formuliert. In seinem Buch über das Staatswesen, das er unter dem
Titel „Leviathan“(1) herausgebracht hat, ging er davon aus, dass die
Grundfunktion des Staates gerade darin bestünde, das gewalttätige
Volk zu entmündigen, denn er hat den Naturzustand der Menschen als
die „bellum omnium contra omnes“(2) angesehen, also den Zustand, in
dem alle gegen alle kämpfen. Als das gewalttätigste Tier verstand er
das Menschenwesen, denn es hätte immer Kriege gegeben, und würde
noch immer Kriege geben. Davor müsse man sich jedoch vorübergehend
durch einen Vertrag schützen. Dessen Grundabsätze zufolge könnten
die rüstenden, bewaffneten Kräfte des Staates das Volk daran hindern,
Gewalt gegeneinander anzuwenden, und eben sie ihm Gewalt androhen,
um die Zivilbevölkerung aus bestimmten Gebieten herauszuhalten. Der
moderne Staat sei Hobbes nach keine Einrichtung, die eine bestimmte
Kultur oder Lebensauffassung repräsentiert, sondern einen
Gesellschaftsvertrag, mit dem das Gewaltmonopol einem souveräneren
Herrscher an der Spitze des Staates übertragen würde. Gemäß dessen
Grundgesetz würden alle Menschen auf ihrer eigenen Stolz, Gier,
Gewalttätigkeit verzichten. Die Legitimität des modernen Staates,
das Volk an der Gewalt zu hindern, ist die Legitimität, die Gewalt
an der Spitze des Staates anzuwenden. Hierbei handelt es sich darum,
Gewalttätigkeit seitens des Staates zu legalisieren.
II-Nationalstaat und strukturelle Gewalt:
Was in vielen Regionen der Welt geschieht , vor allem in dritten
Welt , das mag die Forderung zur Sprache stellen, an der Ursprung
des Nationalstaates nach der so genannten Dekolonisierung dort
Kritik zu üben, denn anzahllose Beispielen aus der Geschichte wird
deutlich, dass ein Krieg von so genannten Patrioten immer geführt
wurde. Darüber hinaus zeigt insbesondere die Geschichte staatlicher
Gewalt zum einen, dass ihre gesellschaftlichen Formen und ihre
Funktion historisch sind, zum anderen steht es außer Frage, dass die
orientalische Geschichte geprägt von staatlicher Gewalt ist.
Absolute Autorität des Herrschers stellt allerdings die „Grobheit
orientalischen Staates“ dar; als Beispiel hierfür können wir die
Rohheit des assyrischen Reiches nehmen. Aber die Verbindung von
nationalistischer Ideologie und staatlicher Gewalt eskalierte nur in
den totalitären Diktaturen des 20.Jahrhunderts, vor allem in dritten
Welt, und führte zu Krieg und Völkermord. Wenn also von Gewalt die
Rede ist, ist immer die Rede von Gewalt auf einer bestimmten
gesellschaftlichen Entwicklungsstruktur- vom Gewaltmonopol des
Nationalstaates. Weiters ist der realistische Politikbegriff nach
Max Weber von Bedeutung: Ein Staat ist demnach nicht aus dessen
Inhalt zu definieren, sondern nach einem spezifischen Mittel, der
physischen Gewaltsamkeit.
III- Heimatlosigkeit des Kurden in Nationalstaaten:
Im Falle der sich auf den Pan-Nationalismus wie Pan-Arabismus, Pan-Tohranismus
und Pan-Persismus gründenden Staaten verliert der „Kurde“ nicht nur
offiziell(3), sondern ebenfalls auch aktuell das
Zusammengehörigkeitsgefühl, obzwar ihm niemand seine eigene
Gruppenidentität nehmen kann. Im Rahmen eines solchen Staates lässt
sich der Kurde als „Kurde“, der auf der Ebene der Gesellschaft
identifiziert ist, hinter sich selbst als „Staatsbürger“, der auf
der Ebene des Staates identifiziert ist, verstecken, wobei er sich
von sich selbst isoliert, und immer wieder auf sich selbst
zurückzieht. Der Kurde sieht sich also als ein in sich zerrissenes,
heimatloses Selbst an. Fast keiner von Kurden würde als „Araber“, „Türke“
oder „Perser“ geboren, also in den Augen des Nationalstaates noch
nur ein „Ausländer“ bleiben, und zwar ein „entartender Staatsbürger“.
Der „Kurde“ wurde deshalb als „Berger-Türke“, „Berger-Araber“ oder
„Berger-Perser“ bezeichnet; hierbei sollte dieser „Berger-Bürger“
als Entartung des „reinen Bürgers“ betrachtet werden, da der
„Berger-Bürger“ seine „Muttersprache“ vergessen, und sein „Heimatland“
verlassen hat. Arabisierung, Türkisierung und Persisierung wurden
als nationalistische Rehabilitationen der entartenden Berger-Bürger
verstanden. Hierin besteht allerdings die coincidentia
oppositorum(4) des Nationalstaates. Es muss ausdrücklich betont
werden, dass beide, der Kurde und der Nationalstaat, in ihrer
wechselseitigen Beziehung für solche coincidentia oppositorum stehen.
Der Kurde kämpft gegen einen Nationalstaat, aber zugleich auch um
einen Nationalstaat! Der Nationalstaat, um den und gegen den er
kämpft, macht ihn äußerlich aus sich selbst. Der Kurde bekämpft, um
sich selbst als „Kurde“ von sich selbst als „Staatsbürger“ zu
befreien. Der Kurde, der in der phantastischen Wirklichkeit des
Nationalstaates, wo er einen Übermenschen sucht, nur den Widerschein
seiner selbst findet, wird noch mehr geneigt sein, nur den Schein
seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre
Wirklichkeit sucht und suchen muss.
Die Idee von Nation und Nationalstaat hat den Kurden zerrissen.
Unserer Vorstellung nach ist der Weg zur nationalen Freiheit nichts
anders als der Weg zur Befreiung des Staates von Nation, d.h. zweite
Säkularisierungsprozess des Staates, in dem die Nation vom Staat
losgetrennt würde. Mit anderen Worten: Entmythologisierung des
Staates.
IV-Struktur und Funktion des Nationalstaates:
Die Nation vom Nationalstaat ist die Nation, zu welcher die
vergesellschafteten Individuen dazugehören, die den Staat politisch
konstituieren. Diese soziale Konstruktion vom Nationalstaat wird zum
Einzelnen als angeblich naturgegebenes Phänomen, als statisch und
homogen darstellt. Der Nationalstaat, dem geopolitisch falsche
Einheit zwischen der Nation und dem Staat zugrunde liegt,
repräsentiert also die ländliche Gemeinschaft absolut nicht. Der
Nationalstaat hat wie Janus zwei Köpfe, der eine die politische
Frage nationalisiert, der andere die nationalistische Frage
politisiert. Deshalb ist er keineswegs die politische Verkörperung
der Nation,
sondern die nationalistische Negation der Politik. Wenn der Staat
also ethnisch, kulturell oder religiös definiert ist, dann ist ein
Zusammenleben überhaupt nicht möglich, bei dem jeder seine Kultur
bewahren kann. Der Nationalstaat ist in der Tat nichts anderes als
der Staat aller Formen und Äußerungen rassistischer und
diskriminierender Lebensweisen, der Staat von Diskriminierung der
Menschen auf Grund ihrer rassistischen Zugehörigkeit bzw.
Nationalität , unter deren Rahmen alle Formen von
Ungleichgerechtigkeit in der Gesellschaft strukturell
institutionalisiert werden. In den Augen des Nationalstaates sind
aller zuerst alle Menschen nicht gleichwertig, da sie sich in „reinen“
und „entartenden“ Bürgern unterteilen lassen, und sollen
infolgedessen keine gleichberechtigten Entwicklungschancen zum
Überleben haben. Die Ideologische Grundfunktion des Nationalstaates
besteht darin, die entworfene Bevölkerung mit einer maskierten
Weltanschauung auszurüsten, ihr konkrete Orientierung an Verhalten
bzw. Antipathie gegenüber anderen ethnischen Gruppen zu vermitteln.
V- Zur politischen Ökonomie des Nationalstaates:
Mancur Olson hat die Metapher des „roving Bandit“ eingeführt, die
Jörg Faust so beschrieb: „Der umherziehende Bandit sucht plündernd
immer neue Gegend heim und ist deshalb nicht am Wohlergehen der
Bevölkerung interessiert. Zum stationären Bandit wird er durch die
Erkenntnis, dass er lohender ist, von der immergleichen Bevölkerung
Steuern zu erheben. Nun muss er ein hohes Interesse an
wirtschaftlichem Wachstum haben, da dies seine Steuereinnahme erhöht“(5).
Der stationary bandit ist also der Staat als wohlwollender Diktator,
der Rechtssicherheit garantiert, aber noch keineswegs die
bürgerlichen Freiheiten.
Die strukturelle Schwäche des Staates, das funktional schlechte
Regierungssystem, und aller zuerst das Versagen des Staates, die
natürlichen Ressourcen wie Erdöl selber und produktiv auszubeuten,
können auch stärker auf die politische Zugehörigkeit seiner Bürger
beeinflussen. Hierin kann er seine Legitimität in den Augen seiner
Bürger untergraben. Seit Marx und Freud wächst die Einsicht jedoch,
dass der Staat dem Bürger seine bürgerlichen Freiheiten nimmt, um
die Kriminalität zu begehen, und um die natürlichen Ressourcen zu
plündern. Dazu wird er immer freier; der Bürger immer unterworfener.
Menschen sind am verwundbarste, wenn ihr Lebensunterhaltung und ihre
Überlebensstrategien blockiert sind, oder wenn sie durch ihre
Gruppenidentität, ihre politische Position, oder materielle Umstände
besonders stark der Gewalt ausgesetzt sind, denn jede Ordnung setzt
Gewalt voraus und erzeugt wiederum Gewalt. Die politisch-ökonomische
Grundfunktion des Nationalstaates, für den systemische Korruption,
und verantwortloses Regierungssystem und insbesondere
wirtschaftliche Schlamperei typischen sind, besteht also darin, das
Volksbrot gewalttätig zu plündern.
Bemerkungen:
(1)- Leviathan: Im Alten Testament stellt sich ein Ungeheuer in Form
eines Krokodils oder Drachen als Sinnbild für die gottfeindlichen
Mächte heraus. Die Bezeichnung wurde später vor allem auch
literarisch weiterverwendet.
(2)- „bellum omnium contra omnes“ : (lat. wörtlich: "Krieg aller
gegen alle") bezeichnet eine von Thomas Hobbes verwendete
Formulierung zur Umschreibung eines angenommenen
vorgesellschaftlichen Naturzustandes der Menschen (d.h. unter dem so
genannten Naturrecht), in dem aus Selbsterhaltungstrieb - der als
Urtrieb des Menschen angesehen wird - jeder jeden bekämpft.
(3)- Die Ausbürgerungen von Kurden 1962 in Syrien: Kurden wurden im
Jahr 1962 in der Provinz Hasaka aufgrund der Arabisierung durch den
Entzug der syrischen Staatsbürgerschaft zu Ausländern im eigenen
Land gemacht.
(4)- „coincidentia oppositorum“: (Lat. für: Zusammenfall der
Gegensätze) bezeichnet ein Zusammenfallen der Entgegensetzungen.
(5)- „ E+Z Entwicklung und Zusammenarbeiten“ InWEnt - Internationale
Weiterbildung und Entwicklung gemeinnützige GmbH;2002 , Nr.10, S.277