Karin Ahrens
Nach Tangazars Meinung eine Figur in einem Roman, ein Held in einem
realistischen Roman. Ich denke, er könnte eine Rolle gehabt haben in
einem der Romane Hemmingways. So ein Leben, wie Guevara es führte,
müsste Hemmingway gereizt haben. Wenn sich beide kennengelernt haben
könnten... Hemmingway währe bestimmt begeistert gewesen von so einem
Helden. Er hätte einen guten Roman daraus machen können.
Guevara als Mensch, sein Charakter - sehr widersprüchlich. Die
Umstände seines Lebens sowie die seines Todes, dieses Mysteriöse, ob
die Leiche, die präsentiert wurde, auch tatsächlich die Guevaras
war.. Ein Leben als Abenteurer und sein Tod ebenso abenteuerlich.
Sein Scheitern, nicht nur in Bolivien sondern auch in Kuba, im Kongo
... , den Erfolg, den er mit der Revolution in Kuba erzielt hatte,
wollte er wiederholen, aber es gelang nie mehr. Die Voraussetzungen
und Bedingungen, die er in anderen Ländern vorfand, waren nie die ,
- idealen - , die damals in Kuba zum Erfolg führten. Was waren diese
in Kuba ? Die Unterstützung in der Bevölkerung als Allererstes und
Wichtigstes. Die Menschen Kubas waren in so einer verzweifelten Lage,
daß jeder eine Revolution hätte auslösen können. Das Land wartete
auf jemanden, der beginnt. Jeder war besser als Batista. Guevara und
Castro waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort - in Kuba. Aber der
Export der Revolution gelang eben nicht. Falsche Orte ? Die Welt ist
nicht reif für die Weltrevolution. El foco. Guevara entwarf eine
Theorie der Revolution: man müsse nicht warten, bis alle Bedingungen
erfüllt seien, sondern man müsse einen Revolutionsherd schaffen, von
dem sich dann die Revolution über das gesamte Land ausbreitet. Aber
in seinen Unternehmungen , außer Kuba ?, blies er ein Feuerchen an,
welches nur etwas qualmte, beißender Rauch nahm ihnen an ihrer
Feuerstelle selbst den Atem, welches aber trotz heftigster
Bemühungen bald wieder ausging. Auch im heutigen Kuba geht der
Revolution langsam die Kohle aus.
Das Leben Guevaras als Tragödie oder Tragikkomödie ? Er war ein
Genie und konnte doch nichts anderes als die Revolution und den
Guerillakrieg, sein Steckenpferd. War der Kampf als Guerilla die
Transformation seines eigenen inneren Kampfes, seiner inneren
Konflikte ? Diese Härte , die er sich gegenüber einnahm und von
anderen forderte. Guevara im Kampf gegen sein Asthma, im Konflikt
mit seiner großbürgerlichen, aristokratischen Herkunft. Wie er sich
als Kind wegen seiner "Schwächlichkeit" - Behinderung durch sein
Asthma gegen seine Kameraden, Freunde, Mitschüler und -innen
durchsetzen mußte, hat ihn sicherlich erheblich geprägt und zu
seiner Härte geführt. Und der Wille zu führen, sein Wunsch, Macht zu
haben, auszuüben...
Guevaras Mutter war eine Frau, die sich nie hat "unterkriegen"
lassen, immer offen ihre Meinung vertrat, keine Angst zeigte und
keine Angst hatte. Es gibt einige Aussagen über ihre Tollkühnheit.
Z.B. als sie in einen Fluß mit sehr starker Strömung sprang und fast
ertrunken wäre oder sich lautstark öffentlich über Politik in
Argentinien äußerte und zu ihrer persönlichen Sicherheit verhaftet
wurde. Sonst wäre sie vom Volk gelyncht worden.
Das Wesen seiner Mutter hatte bestimmt einen nicht unbedeutenden
Einfluß auf Guevara. Und wie er von seiner Mutter verwöhnt wurde ..
Tete, Mutters Liebling, Einziger.
Woher kam sein Wunsch, zu heilen und zu helfen, der ihn Arzt werden
ließ ?
Sein soziales Gewissen - von seinen Eltern, die trotz ihrer
großbürgerlichen Herkunft Linke Ideen vertraten, Außenseiter ihrer
Gesellschaft waren? Liberale Ideen wurden im Hause Guevara de la
Serna gepflegt. Natürlich blieben diese nicht ohne Einfluß auf
Ernesto. Die Mutter wurde in ihren Kreisen als Revolutionärin,
Aufrührerin, bezeichnet, La Rebelda. So war sein Leben als
Revolutionär schon vorgezeichnet ? Aber seine Menschlichkeit !
Rührte sie aus dem libertären Gedankengut im Elternhaus oder aus
seiner eigenen Erfahrung; war er doch gewissermassen Aussenseiter :
Aussenseiter als Kind aufgrund seiner Erkrankung, wegen der
Aussenseiterposition, die seine Eltern in der Gesellschaft
innehatten ?
Seine Empfindsamkeit und Verletzlichkeit- und seine Empfindsamkeit
gegenüber anderen, gegenüber dem Leiden anderer, welches ihn zum
Tätigwerden veranlaßte. Anfangs dazu, Arzt zu werden und so
menschlichem Leiden etwas entgegenzusetzen, später erfaßte ihn das
soziale Elend zunehmend, daß er überall wahrnahm und was er als
hauptverantwortliches Übel alles menschlichem Leidens ausmachte: Die
soziale Ungleichheit, Ausbeutung der Massen, Unterdrückung,
diktatorische, menschenverachtende Regime in den Ländern Süd- und
Lateinamerikas. Nun also die Revolution und nicht nur mit den
Mitteln der Medizin allein die Symptome kurieren.
Guevara als Guerillero - paßt zusammen, die Worte passen zusammen,
Name und Bezeichnung- beides beginnt mit Gue.., Guevara/Guerillero..
seine Bestimmung von Anfang an? "Es gibt kein Leben außer der
Revolution !" war ein Ausspruch Guevaras (Kurt Kusenberg,Hrsg."Der
echte Revolutionär muß leidenschaftliches Temperament mit kühlem
Verstand verbinden, er hat schmerzende Entscheidungen zu fällen,
ohne mit der Wimper zu zucken. Er muß unteilbare Liebe zu den
Völkern bis zur Vollkommenheit entwickeln, kann selbst aber nicht
eine kleine Dosis täglicher Zärtlichkeit seinen Lieben zuwenden, wie
die anderen Menschen. Die Führer der Revolution besitzen Frauen, die
ebenfalls Teil ihres Lebensverzichts sein müssen.... Die Revolution,
ideologischer Motor der Partei, verbraucht sich in dieser
unablässigen Tätigkeit, der erst der Tod ein Ende setzt.") Was ist
denn ein Revolutionär ? Ein Übermensch?
Hatte Guevara Angst vor dem Leben und floh in die Revolution? So
konnte er sich zwischenmenschlicher Beziehungen entziehen. "Seinen
Lieben auch nicht die kleinste Dosis Zärtlichkeit zukommen lassen"
-so kann man es auch heroisch verbrämen, wenn man sich fürchtet,
fürchtet sich auf andere einzulassen? Alle Anstrengung unternehmen,
die Völker der Welt zu lieben, aber zu Hause, am eigenen Herd vor
der eigenen Frau davonlaufen. "Frauen müssen Teil des
Lebensverzichts sein". Ein Revolutionär in vollkommener Askese. Aber
Revolutionäre wie Guevara besitzen - b e s i t z e n - Frauen, auf
die sie dann heroisch asketisch verzichten. No Sex until
triumphating ! Und danach ? Revolution, unablässig. Ein Revolutionär
kann nichts anderes als revoltieren, das ist sein Beruf und seine
Berufung; wie ein Lokomotivführer nur Lokomotive fahren kann und
nichts anderes. Kein Brot backen zum Beispiel.
Kann man damit seine Schüchternheit überdecken, indem man Guerillero
ist. Guevara war im persönlichen Gespräch eher zurückhaltend und
sanft, leise. Und er hatte Charisma, nahm die Menschen für sich ein.
Konnte die Massen begeistern, Fidel ist nur ein kalter Abglanz davon
und bedient sich ohnehin nur des Mythos Guevara. Guevara Ecce Homo !
Hemmingway hätte seine wahre Freude an diesem Helden gehabt ! Die
Ambivalenz gegenüber den Lieben , Frauen,die er an den Tag legte und
immer zu heldenhaften Taten aufgelegt. Markige Sprüche auf den
Lippen "In einer Revolution siegt oder stirbt man !" , bereit zu
entsagen und hart gegenüber sich und anderen , in einer
homoerotischen Männergesellschaft, in der Frauen keinen Platz haben.
Guerilleros sind einsam und unter sich. Männerbünde.
Wobei sonst hätte sich Guevara seine Stärke beweisen können, als im
bewaffneten Kampf? Rechtschaffene Betätigung für rechtschaffene
Männer.
Das Leiden der Menschheit, bewegte es Guevara so sehr, daß es seinen
Haß schürte, ihn zur Waffe greifen ließ ? Er selber zum Täter wurde,
kaltblütig hinrichten ließ, wo es ihm angebracht schien ? Und
andererseits vergeben, milde walten lassen. War er Gott? Konnte
Guevara gut von böse trennen; ein aufgeklärter Geist, frei, über
jeden Zweifel erhaben ? Wieviele Menschen darf ein Mensch töten im
Namen der Gerechtigkeit? Wann ist das Maß erfüllt und das Urteil ist
ungerecht? Guevara, der Mythos des ewigen Kämpfers für Gerechtigkeit,
war er niemals ungerecht? Was geschieht einem Menschen, der am
Leiden seiner Mitmenschen zu ersticken droht , wenn er nicht Zeit
seines Lebens dagegen ankämpft?
Guevara hatte die Wurzel allen Übels, daß zum menschlichen Elend
führt, erkannt; aber die Welt ist zu groß für einen einzelnen Mann.
Guevara hatte mehr Feinde als Freunde und die Feinde saßen an den
entscheidenden Stellen. An den Schaltstellen und sie schalteten ihn
schließlich aus.