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Ernesto Guevara

rojava.net 21.09.2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Karin Ahrens


Nach Tangazars Meinung eine Figur in einem Roman, ein Held in einem realistischen Roman. Ich denke, er könnte eine Rolle gehabt haben in einem der Romane Hemmingways. So ein Leben, wie Guevara es führte, müsste Hemmingway gereizt haben. Wenn sich beide kennengelernt haben könnten... Hemmingway währe bestimmt begeistert gewesen von so einem Helden. Er hätte einen guten Roman daraus machen können.
Guevara als Mensch, sein Charakter - sehr widersprüchlich. Die Umstände seines Lebens sowie die seines Todes, dieses Mysteriöse, ob die Leiche, die präsentiert wurde, auch tatsächlich die Guevaras war.. Ein Leben als Abenteurer und sein Tod ebenso abenteuerlich. Sein Scheitern, nicht nur in Bolivien sondern auch in Kuba, im Kongo ... , den Erfolg, den er mit der Revolution in Kuba erzielt hatte, wollte er wiederholen, aber es gelang nie mehr. Die Voraussetzungen und Bedingungen, die er in anderen Ländern vorfand, waren nie die , - idealen - , die damals in Kuba zum Erfolg führten. Was waren diese in Kuba ? Die Unterstützung in der Bevölkerung als Allererstes und Wichtigstes. Die Menschen Kubas waren in so einer verzweifelten Lage, daß jeder eine Revolution hätte auslösen können. Das Land wartete auf jemanden, der beginnt. Jeder war besser als Batista. Guevara und Castro waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort - in Kuba. Aber der Export der Revolution gelang eben nicht. Falsche Orte ? Die Welt ist nicht reif für die Weltrevolution. El foco. Guevara entwarf eine Theorie der Revolution: man müsse nicht warten, bis alle Bedingungen erfüllt seien, sondern man müsse einen Revolutionsherd schaffen, von dem sich dann die Revolution über das gesamte Land ausbreitet. Aber in seinen Unternehmungen , außer Kuba ?, blies er ein Feuerchen an, welches nur etwas qualmte, beißender Rauch nahm ihnen an ihrer Feuerstelle selbst den Atem, welches aber trotz heftigster Bemühungen bald wieder ausging. Auch im heutigen Kuba geht der Revolution langsam die Kohle aus.

Das Leben Guevaras als Tragödie oder Tragikkomödie ? Er war ein Genie und konnte doch nichts anderes als die Revolution und den Guerillakrieg, sein Steckenpferd. War der Kampf als Guerilla die Transformation seines eigenen inneren Kampfes, seiner inneren Konflikte ? Diese Härte , die er sich gegenüber einnahm und von anderen forderte. Guevara im Kampf gegen sein Asthma, im Konflikt mit seiner großbürgerlichen, aristokratischen Herkunft. Wie er sich als Kind wegen seiner "Schwächlichkeit" - Behinderung durch sein Asthma gegen seine Kameraden, Freunde, Mitschüler und -innen durchsetzen mußte, hat ihn sicherlich erheblich geprägt und zu seiner Härte geführt. Und der Wille zu führen, sein Wunsch, Macht zu haben, auszuüben...
Guevaras Mutter war eine Frau, die sich nie hat "unterkriegen" lassen, immer offen ihre Meinung vertrat, keine Angst zeigte und keine Angst hatte. Es gibt einige Aussagen über ihre Tollkühnheit. Z.B. als sie in einen Fluß mit sehr starker Strömung sprang und fast ertrunken wäre oder sich lautstark öffentlich über Politik in Argentinien äußerte und zu ihrer persönlichen Sicherheit verhaftet wurde. Sonst wäre sie vom Volk gelyncht worden.
Das Wesen seiner Mutter hatte bestimmt einen nicht unbedeutenden Einfluß auf Guevara. Und wie er von seiner Mutter verwöhnt wurde .. Tete, Mutters Liebling, Einziger.
Woher kam sein Wunsch, zu heilen und zu helfen, der ihn Arzt werden ließ ?
Sein soziales Gewissen - von seinen Eltern, die trotz ihrer großbürgerlichen Herkunft Linke Ideen vertraten, Außenseiter ihrer Gesellschaft waren? Liberale Ideen wurden im Hause Guevara de la Serna gepflegt. Natürlich blieben diese nicht ohne Einfluß auf Ernesto. Die Mutter wurde in ihren Kreisen als Revolutionärin, Aufrührerin, bezeichnet, La Rebelda. So war sein Leben als Revolutionär schon vorgezeichnet ? Aber seine Menschlichkeit ! Rührte sie aus dem libertären Gedankengut im Elternhaus oder aus seiner eigenen Erfahrung; war er doch gewissermassen Aussenseiter : Aussenseiter als Kind aufgrund seiner Erkrankung, wegen der Aussenseiterposition, die seine Eltern in der Gesellschaft innehatten ?
Seine Empfindsamkeit und Verletzlichkeit- und seine Empfindsamkeit gegenüber anderen, gegenüber dem Leiden anderer, welches ihn zum Tätigwerden veranlaßte. Anfangs dazu, Arzt zu werden und so menschlichem Leiden etwas entgegenzusetzen, später erfaßte ihn das soziale Elend zunehmend, daß er überall wahrnahm und was er als hauptverantwortliches Übel alles menschlichem Leidens ausmachte: Die soziale Ungleichheit, Ausbeutung der Massen, Unterdrückung, diktatorische, menschenverachtende Regime in den Ländern Süd- und Lateinamerikas. Nun also die Revolution und nicht nur mit den Mitteln der Medizin allein die Symptome kurieren.

Guevara als Guerillero - paßt zusammen, die Worte passen zusammen, Name und Bezeichnung- beides beginnt mit Gue.., Guevara/Guerillero.. seine Bestimmung von Anfang an? "Es gibt kein Leben außer der Revolution !" war ein Ausspruch Guevaras (Kurt Kusenberg,Hrsg."Der echte Revolutionär muß leidenschaftliches Temperament mit kühlem Verstand verbinden, er hat schmerzende Entscheidungen zu fällen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er muß unteilbare Liebe zu den Völkern bis zur Vollkommenheit entwickeln, kann selbst aber nicht eine kleine Dosis täglicher Zärtlichkeit seinen Lieben zuwenden, wie die anderen Menschen. Die Führer der Revolution besitzen Frauen, die ebenfalls Teil ihres Lebensverzichts sein müssen.... Die Revolution, ideologischer Motor der Partei, verbraucht sich in dieser unablässigen Tätigkeit, der erst der Tod ein Ende setzt.") Was ist denn ein Revolutionär ? Ein Übermensch?
Hatte Guevara Angst vor dem Leben und floh in die Revolution? So konnte er sich zwischenmenschlicher Beziehungen entziehen. "Seinen Lieben auch nicht die kleinste Dosis Zärtlichkeit zukommen lassen" -so kann man es auch heroisch verbrämen, wenn man sich fürchtet, fürchtet sich auf andere einzulassen? Alle Anstrengung unternehmen, die Völker der Welt zu lieben, aber zu Hause, am eigenen Herd vor der eigenen Frau davonlaufen. "Frauen müssen Teil des Lebensverzichts sein". Ein Revolutionär in vollkommener Askese. Aber Revolutionäre wie Guevara besitzen - b e s i t z e n - Frauen, auf die sie dann heroisch asketisch verzichten. No Sex until triumphating ! Und danach ? Revolution, unablässig. Ein Revolutionär kann nichts anderes als revoltieren, das ist sein Beruf und seine Berufung; wie ein Lokomotivführer nur Lokomotive fahren kann und nichts anderes. Kein Brot backen zum Beispiel.
Kann man damit seine Schüchternheit überdecken, indem man Guerillero ist. Guevara war im persönlichen Gespräch eher zurückhaltend und sanft, leise. Und er hatte Charisma, nahm die Menschen für sich ein. Konnte die Massen begeistern, Fidel ist nur ein kalter Abglanz davon und bedient sich ohnehin nur des Mythos Guevara. Guevara Ecce Homo !
Hemmingway hätte seine wahre Freude an diesem Helden gehabt ! Die Ambivalenz gegenüber den Lieben , Frauen,die er an den Tag legte und immer zu heldenhaften Taten aufgelegt. Markige Sprüche auf den Lippen "In einer Revolution siegt oder stirbt man !" , bereit zu entsagen und hart gegenüber sich und anderen , in einer homoerotischen Männergesellschaft, in der Frauen keinen Platz haben. Guerilleros sind einsam und unter sich. Männerbünde.
Wobei sonst hätte sich Guevara seine Stärke beweisen können, als im bewaffneten Kampf? Rechtschaffene Betätigung für rechtschaffene Männer.

Das Leiden der Menschheit, bewegte es Guevara so sehr, daß es seinen Haß schürte, ihn zur Waffe greifen ließ ? Er selber zum Täter wurde, kaltblütig hinrichten ließ, wo es ihm angebracht schien ? Und andererseits vergeben, milde walten lassen. War er Gott? Konnte Guevara gut von böse trennen; ein aufgeklärter Geist, frei, über jeden Zweifel erhaben ? Wieviele Menschen darf ein Mensch töten im Namen der Gerechtigkeit? Wann ist das Maß erfüllt und das Urteil ist ungerecht? Guevara, der Mythos des ewigen Kämpfers für Gerechtigkeit, war er niemals ungerecht? Was geschieht einem Menschen, der am Leiden seiner Mitmenschen zu ersticken droht , wenn er nicht Zeit seines Lebens dagegen ankämpft?

Guevara hatte die Wurzel allen Übels, daß zum menschlichen Elend führt, erkannt; aber die Welt ist zu groß für einen einzelnen Mann. Guevara hatte mehr Feinde als Freunde und die Feinde saßen an den entscheidenden Stellen. An den Schaltstellen und sie schalteten ihn schließlich aus.