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H.R.K.R.D     The Kurdish Intellectuals Union- West Kurdistan- Abroad

28 January 2008 16:06

 



Ein kritischer Bericht über das 4. Kurdische Filmfestival Berlin
Judith Wolf


Nach gut zwei Jahren Pause ist es zunächst einfach ein Grund zur Freude, dass das Kurdische Filmfestival Berlin vom 10. bis 17. Dezember 2006 unter anderem mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur von neuem und nunmehr zum vierten Mal stattfinden konnte.

Bis auf die Eröffnungsveranstaltung im Filmkunsthaus Babylon fanden in diesem Jahr alle Vorführungen im Rahmen des Festivals im kleinen Kreuzberger Eiszeitkino statt, was zumindest im Hinblick auf die eher geringe Besucherzahl durchaus angemessen war.

Bereits auf dem 3. Kurdischen Filmfestival Berlin 2004 fiel eine im Vergleich mit den ersten beiden Festivals sinkende Zahl insbesondere der kurdischen Besucher auf. Das liegt meines Erachtens nicht allein an der ausgesprochen schlecht organisierten Werbung, sondern zu einem großen Teil auch daran, dass sich die Kurden und Kurdinnen Berlins inzwischen einfach daran gewöhnt haben, dass es eben auch ein Kurdisches Filmfestival in der Stadt gibt. Die geringe Besucherzahl ist einerseits bedauerlich, andererseits verdeutlicht sie eine zunehmende Selbstverständlichkeit der Präsenz kurdischer Kultur in Berlin. Das Kurdische Filmfestival ist inzwischen nicht mehr ein so außergewöhnliches Ereignis, dass das halbe kurdische Berlin dort erscheint, sondern hat Normalität angenommen – und darin liegt wiederum etwas sehr Positives. So bestand letztlich ein großer Teil des Publikums aus Menschen, die ein explizites Interesse am Kurdischen Kino haben oder sogar selbst auf irgendeine Art und Weise in die Filmproduktion involviert sind.

Im Folgenden möchte ich exemplarisch auf positive, aber auch negative Aspekte von Filmen aus dem Festivalprogramm eingehen, die mir besonders ins Auge gefallen sind. Anschließend komme ich auf organisatorische Probleme des Festivals zu sprechen:

Insgesamt betrachtet lag die filmische Qualität der circa dreißig vorgestellten Filme weit höher als auf den vorangegangenen Festivals, was sicherlich auch daran liegt, dass gerade in den letzten Jahren ein erheblicher Zuwachs an aus Kurdistan stammenden Regisseurinnen und Regisseuren zu verzeichnen ist. Gerade deswegen ist es erfreulich, dass das Festival etlichen jungen Regisseurinnen und Regisseuren die Möglichkeit gegeben hat, ihre Filme vorzustellen. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass hier drei junge kurdische Frauen mit einem Spiel- und zwei Dokumentarfilmen vertreten waren – Arbeiten, die durchaus eine gute filmische Qualität aufweisen.

„En Garde“ von Aişe Polat ist meines Erachtens ein sowohl im Hinblick auf die Geschichte, die schauspielerische Leistung als auch unter filmtechnischen Gesichtspunkten ein sehenswerter Spielfilm über eine nicht sehr leichte Freundschaft zwischen einem deutschen und einem kurdischen Mädchen. Im Publikum stieß er allerdings auf geteilte Resonanz. Kritisiert wurde von einigen, der Film hätte nicht genug kurdische Elemente, was ich allerdings für unerheblich halte. Andere wiederum fanden die Geschichte nicht schlüssig, eine Ansicht, die ich nicht teile.

„Trace. Le peuple du paon“ von Binevşa Berîvan ist ethnografisch gesehen ein schöner Dokumentarfilm, der einen interessanten Einblick in das zeitgenössische Leben und die Verfolgungsgeschichte der Yeziden in Armenien gibt. Allerdings erhält der Film inhaltlich dadurch eine Einbuße, dass die Regisseurin hinsichtlich allgemeiner Informationen über Yeziden ausschließlich das im kurdisch-nationalen Diskurs populäre Yezidenbild rezipiert.

„Vendetta song“ von Eylem Kaftan ist ein weitgehend schöner und spannend aufgebauter Dokumentarfilm, in dem die Regisseurin die im Dunkeln liegende Geschichte des Ehrenmordes an ihrer Tante aufklärt. In Kanada aufgewachsen begibt sie sich auf eine Reise nach Kurdistan, um sich vorsichtig und teilweise skeptisch der ihr völlig fremden Kultur ihrer kurdischen Ahnen anzunähern. Gerade wegen des persönlichen Charakters halte ich diese Art der filmischen Annäherung für sehr legitim. Überflüssig und ethisch hochgradig fragwürdig ist dann allerdings der Schluss des Films, der die Regisseurin wie eine gute Fee aus der „fortschrittlichen“ und „überlegenen“ westlichen Welt erscheinen lässt, die das „rückschrittliche“ kurdische Dorf durch die Verlinkung via Internet mit der „großen Welt“ aus dem vermeintlichen „orientalischen Dämmerschlaf“ erweckt. Durch diese kulturdarwinistische Perspektive verliert der eigentlich gute Film am Ende erheblich an Überzeugungskraft.

„Black Water“ von Sahim Omar Kalifa, der sich neben der Asylproblematik ebenfalls kritisch mit dem Thema „Ehrenmord“ und in diesem Zusammenhang mit der Rolle des familiären Einflusses auseinandersetzt, kann leider nur als völlig misslungener filmischer Versuch bezeichnet werden. Nichtsdestotrotz und unabhängig von seiner Meinung zum Thema finde ich es allerdings ausgesprochen positiv, dass der Regisseur als kurdischer Mann den Versuch unternommen hat, sich künstlerisch mit dem „Ehrenmord“ auseinanderzusetzen. Nur so kann der Diskurs um den „Ehrenmord“ – ein Phänomen, das ja weite Teile der kurdischen Gesellschaft und im Kern Männer betrifft – aus der eher marginalen „Frauenecke“ gerückt werden.

Unter den auf dem Festival präsentierten Kurzfilmen lieferte der junge norwegisch-kurdische Regisseurs Hisham Zaman mit „Bawke“ eine ans Herz rührende Überraschung. Dieser schöne, einfühlsame Film, der von der Flucht eines Vaters mit seinem Sohn handelt, ist allen Menschen gewidmet, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Dass Vater und Sohn Kurden sind, merkt man eigentlich nur indirekt an ihrer Sprache. Es geht dem Regisseur in diesem Kurzspielfilm nicht um Flucht als Politikum. Vielmehr eröffnet er einen sehr sensiblen Zugang zur Erfahrung von Menschen auf der Flucht, die er nicht als explizit kurdisch, sondern als allgemein menschlich verstanden wissen möchte. Sich auf die Flucht begeben müssen – das könnte unter gegebenen Umständen jedem Menschen in jedem Land widerfahren.

Ebenfalls sehenswert ist „At the roof-tops of Diyarbakir“ von Özkan Küçük, eine wirklich poetische Beschreibung des in Kurdistan während der Sommerzeit weit verbreiteten Lebens auf den Dächern. Ein Film ohne Worte, der durch die Gemächlichkeit des gezeigten Lebens besticht. Im Übrigen kommen hier auch Katzenliebhaber ganz auf ihre Kosten.

Einen breiten Raum haben diesmal Filme über die kurdische Guerilla erhalten. Qualitativ stach hier der Dokumentarfilm „Women of Mount Ararat“ von Erwann Brian hervor, der den Alltag einer kleinen Guerillaeinheit von sechs Frauen begleitet. Der Film ist insofern außergewöhnlich, als er eine ganz andere, sensible und durchaus lebensfrohe Seite des Lebens der Frauen in den Bergen zeigt, die nicht unbedingt dem gängigen Klischee entspricht.

In der Reihe der Guerillafilme fällt auch „David der Tolhildan“ des kurdisch-schweizerischen Regisseurs Mano Khalil als gute dokumentarische Arbeit auf, in der er sich auf die Spur David Rouillers – Sohn eines Schweizer Universitätsprofessors und ehemaligen Bundesgerichtspräsidenten – begibt, der sich als sogenannter Internationalist der kurdischen Guerilla angeschlossen hat. Im zweiten Teil begleitet das Filmteam die Mutter Davids auf ihrer Besuchsreise zu ihrem Sohn. Beeindruckend ist die warmherzige Beziehung zwischen den Familienmitgliedern und ihr Verständnis für die Entscheidung Davids, die gesicherte und bequeme Existenz in der Schweiz aufzugeben, um sein Leben dem kurdischen Befreiungskampf zu widmen.

Als mit Abstand bester Film stach „David und Leyla“ des aus Südkurdistan stammenden, in den USA lebenden Regisseurs Jay Jonroy hervor – eine Komödie über die Liebe zwischen einem amerikanischem Juden und einer Kurdin. Der Film bricht mit etlichen Tabus der kurdischen Gesellschaft und auch der kurdischen Filmemacher. Zudem räumt er auf sehr amüsante Weise mit religiösen und gesellschaftlichen Vorurteilen zwischen Muslimen und Juden auf und entdeckt viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden. Gerade in den Details der ihm bis dahin unbekannten Kultur aschkenasischer Juden wird die gute Recherchearbeit Jonroys deutlich. Ganz nebenbei und unaufdringlich fließen auch die traurigen Aspekte des kurdischen Schicksals ein. „David und Layla“ ist ein in jeder Hinsicht niveauvoller Film, der einfach Spaß macht.

Nicht nachvollziehbar finde ich die Entscheidung, „Schildkröten können fliegen“ von Bahman Ghobadi und „Kilomètre Zéro“ von Hiner Saleem in das Programm aufzunehmen, denn beide Filme sind bereits längere Zeit in den Berliner Kinos gelaufen und weisen im Vergleich zu früheren Arbeiten der beiden Regisseure nicht im Geringsten die Qualität auf, die eine Wiederholung auf diesem Festival rechtfertigen würde.

Zu hinterfragen ist auch, warum „Zwischenwelten“ von Yusuf Yeşilöz in das Festivalprogramm aufgenommen wurde. „Zwischenwelten“ ist ein Dokumentarfilm über eine Frau, die als Kind aus der Türkei in die Schweiz migrierte und sich selbst zu 80 % als Schweizerin und zu 20 % als Türkin, aber absolut nicht als Kurdin definiert. Dass das Dorf aus dem sie stammt ursprünglich einmal kurdisch war, spielt für sie persönlich und den Film überhaupt keine Rolle. Ein kurdischer Bezug ist nicht gegeben, lediglich der Regisseur ist Kurde. Der Protagonistin selbst wird sozusagen nachträglich von außen eine kurdische Identität aufgedrängt, die sie nicht hat. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, warum eigentlich Filme kurdischer Regisseurinnen und Regisseure über andere, nicht explizit kurdische Themen prinzipiell keine Aufnahme in des Festivalprogramm finden. Ich denke hier beispielsweise an einen der Filme von Akram Hidou über den lateinamerikanischen Tanz Salsa. Wenn man zum einen „Zwischenwelten“ als Beitrag für das Kurdische Filmfestival akzeptiert, und weil zum anderen der Blick über den „Tellerrand“ der eigenen Kultur letztlich auch Bestandteil des kulturellen Lebens von Kurden insbesondere in der Diaspora ist, wäre es folgerichtig, die Definition des „kurdischen Films“ grundsätzlich zu überdenken und eventuell weiter zu fassen, als es bisher der Fall ist. Auch der erkennbar französische oder italienische Film zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er sich mit französischen bzw. italienischen Themen befasst, sondern durch einen distinkten Stil. Weniger der Gegenstand der Betrachtung selbst, sondern vielmehr der Blick auf diesen Gegenstand ist kulturell geprägt. Auch wenn der kurdische Film an sich noch in den Kinderschuhen steckt, wäre es demzufolge konsequent zu überlegen, ob und, wenn ja, welche Kriterien einen Film stilistisch als kurdisch charakterisieren.

In dieser Hinsicht hätte auch der im Rahmen des Festivals im Sprachenatellier stattfindende Workshop „Neue Bewegungen im Kurdischen Kino“ interessant werden können. Tatsächlich glich das Gespräch leider mehr einem Kaffeeklatsch, denn einem seriösen Workshop. Zunächst war es der Konstruktivität dieser Veranstaltung hochgradig abträglich, dass sie mit gleichzeitigem Frühstück stattfand – eine Frühstückspause hätte es auch getan. Zudem wäre eine gründliche Vorbereitung der Beteiligten sehr hilfreich gewesen. Prinzipiell halte ich theoretische Veranstaltungen und Wissenstransfer neben dem Filmprogramm des Festivals für sehr bedeutsam, um die Entwicklung des Kurdischen Kinos voranzubringen. Ich denke, dass hierauf in Zukunft unbedingt ein stärkeres Gewicht gelegt werden muss. Fundierte Referate mit Theorie- und Praxisbezug sowie eine gut organisierte Übersetzung wären hierfür unabdingbar.

Sehr enttäuschend war, dass acht der angekündigten Gäste gar nicht erschienen sind. Andere Gäste, von denen vorher durchaus klar gewesen ist, dass sie kommen werden, waren dagegen im Programmheft überhaupt nicht angekündigt.

Negativ fiel zudem das sprachliche Chaos auf, das die deutsch-kurdische Schauspielerin Berîvan Kaya bei der Moderation des Gesprächs mit der Regisseurin Binevşa Berîvan verursacht hat, indem sie komplett auf den kurdischen Übersetzer verzichtete und es vorzog, mit der Regisseurin Französisch zu sprechen. Obendrein hat sie befremdlicherweise das Publikum mehrfach aufgefordert, seine Fragen doch auf Türkisch an die Regisseurin zu richten. Da etliche Gäste eigentlich auf die kurdische Übersetzung angewiesen waren, wurde zum Teil ersatzweise auf die englische Sprache ausgewichen. Warum so kompliziert? In Anbetracht der Zusammensetzung des Publikums war es klar, dass Deutsch und Kurdisch zur allgemeinen Verständigung völlig ausgereicht hätten, statt völlig ohne Bedarf ausgerechnet die irrelevantesten Fremdsprachen zu nutzen – zumal die Regisseurin in diesem Fall ohnehin Kurdisch sprechen konnte und viele Kurden aus dem Süden und Westen, die bekanntlich kein Türkisch sprechen, anwesend waren. Angesichts der gewaltsamen und verheerenden Unterdrückung der Kurdischen Sprache kann gerade im Kontext eines Kurdischen Filmfestivals Berîvan Kayas Ablehnung der kurdischen Übersetzung und ihre Aufforderung, stattdessen Türkisch zu sprechen, nur als ausgesprochen verantwortungslos bezeichnet werden.

Abgesehen davon ist im Vergleich zu den vorangegangenen Festivals jedoch positiv zu bemerken, dass die sprachliche Verständigung insgesamt gesehen diesmal weitestgehend reibungslos abgelaufen ist. Das ist vor allem Ferhad Ehmê zu verdanken, der eine ausgezeichnete Moderations- und Übersetzungsarbeit geleistet hat, aber auch Synnove Bendixsen, deren Übersetzungen aus dem Norwegischen unersetzlich waren.

Ausgesprochen problematisch sind hingegen nach wie vor die sprachliche Qualität sowie offensichtliche Sachfehler in den Programmheften und im Internetauftritt des Festivals, was jedoch nicht dazu verleiten sollte, den einzelnen Redaktionsmitarbeitern Unfähigkeit zu unterstellen. Ursächlich ist hier erfahrungsgemäß die mangelhafte Gesamtorganisation während der Festivalvorbereitung. Diese Mängel sollten in Zukunft unbedingt vermieden werden, denn die sprachliche Perfektion ist eines der bedeutendsten Repräsentationsmittel und somit eine der wichtigsten Voraussetzungen, um – über das kurdische Publikum hinaus – im kulturellen Leben Deutschlands auf breite Akzeptanz zu treffen.

Traurig ist, dass die gute Sitte der ersten beiden Festivaljahre, sämtliche MitarbeiterInnen, deren zumeist eher im Verborgenen stattfindenden Arbeit das Gelingen des Festivals überhaupt erst ermöglicht, zum Dank auf die Bühne zu rufen, schon seit 2004 nicht mehr praktiziert wird. Ich hoffe, dass diese schöne und höfliche Geste in den kommenden Jahren wieder aufgegriffen wird.

Schlussendlich bleibt zu wünschen, dass das Kurdische Filmfestival Berlin auch in den kommenden Jahren stattfinden wird, da es – trotz aller berechtigter und notwendiger Kritik – kurdischen Filmschaffenden eine Möglichkeit bietet, ihre Werke vorzustellen, und auch das Potential besitzt, am Kurdischen Kino Interessierte zusammenzubringen, neue Diskussionen anzuregen und Wege der Zusammenarbeit zu eröffnen.


 

 

 

 

 

 


 

 
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