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Ein kritischer
Bericht über das 4. Kurdische Filmfestival Berlin
Judith Wolf
Nach gut zwei Jahren Pause ist es zunächst einfach ein
Grund zur Freude, dass das Kurdische Filmfestival Berlin
vom 10. bis 17. Dezember 2006 unter anderem mit
Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für
Wissenschaft, Forschung und Kultur von neuem und nunmehr
zum vierten Mal stattfinden konnte.
Bis auf die Eröffnungsveranstaltung im Filmkunsthaus
Babylon fanden in diesem Jahr alle Vorführungen im
Rahmen des Festivals im kleinen Kreuzberger Eiszeitkino
statt, was zumindest im Hinblick auf die eher geringe
Besucherzahl durchaus angemessen war.
Bereits auf dem 3. Kurdischen Filmfestival Berlin 2004
fiel eine im Vergleich mit den ersten beiden Festivals
sinkende Zahl insbesondere der kurdischen Besucher auf.
Das liegt meines Erachtens nicht allein an der
ausgesprochen schlecht organisierten Werbung, sondern zu
einem großen Teil auch daran, dass sich die Kurden und
Kurdinnen Berlins inzwischen einfach daran gewöhnt
haben, dass es eben auch ein Kurdisches Filmfestival in
der Stadt gibt. Die geringe Besucherzahl ist einerseits
bedauerlich, andererseits verdeutlicht sie eine
zunehmende Selbstverständlichkeit der Präsenz kurdischer
Kultur in Berlin. Das Kurdische Filmfestival ist
inzwischen nicht mehr ein so außergewöhnliches Ereignis,
dass das halbe kurdische Berlin dort erscheint, sondern
hat Normalität angenommen – und darin liegt wiederum
etwas sehr Positives. So bestand letztlich ein großer
Teil des Publikums aus Menschen, die ein explizites
Interesse am Kurdischen Kino haben oder sogar selbst auf
irgendeine Art und Weise in die Filmproduktion
involviert sind.
Im Folgenden möchte ich exemplarisch auf positive, aber
auch negative Aspekte von Filmen aus dem
Festivalprogramm eingehen, die mir besonders ins Auge
gefallen sind. Anschließend komme ich auf
organisatorische Probleme des Festivals zu sprechen:
Insgesamt betrachtet lag die filmische Qualität der
circa dreißig vorgestellten Filme weit höher als auf den
vorangegangenen Festivals, was sicherlich auch daran
liegt, dass gerade in den letzten Jahren ein erheblicher
Zuwachs an aus Kurdistan stammenden Regisseurinnen und
Regisseuren zu verzeichnen ist. Gerade deswegen ist es
erfreulich, dass das Festival etlichen jungen
Regisseurinnen und Regisseuren die Möglichkeit gegeben
hat, ihre Filme vorzustellen. Ich möchte ausdrücklich
betonen, dass hier drei junge kurdische Frauen mit einem
Spiel- und zwei Dokumentarfilmen vertreten waren –
Arbeiten, die durchaus eine gute filmische Qualität
aufweisen.
„En Garde“ von Aişe Polat ist meines Erachtens ein
sowohl im Hinblick auf die Geschichte, die
schauspielerische Leistung als auch unter
filmtechnischen Gesichtspunkten ein sehenswerter
Spielfilm über eine nicht sehr leichte Freundschaft
zwischen einem deutschen und einem kurdischen Mädchen.
Im Publikum stieß er allerdings auf geteilte Resonanz.
Kritisiert wurde von einigen, der Film hätte nicht genug
kurdische Elemente, was ich allerdings für unerheblich
halte. Andere wiederum fanden die Geschichte nicht
schlüssig, eine Ansicht, die ich nicht teile.
„Trace. Le peuple du paon“ von Binevşa Berîvan ist
ethnografisch gesehen ein schöner Dokumentarfilm, der
einen interessanten Einblick in das zeitgenössische
Leben und die Verfolgungsgeschichte der Yeziden in
Armenien gibt. Allerdings erhält der Film inhaltlich
dadurch eine Einbuße, dass die Regisseurin hinsichtlich
allgemeiner Informationen über Yeziden ausschließlich
das im kurdisch-nationalen Diskurs populäre Yezidenbild
rezipiert.
„Vendetta song“ von Eylem Kaftan ist ein weitgehend
schöner und spannend aufgebauter Dokumentarfilm, in dem
die Regisseurin die im Dunkeln liegende Geschichte des
Ehrenmordes an ihrer Tante aufklärt. In Kanada
aufgewachsen begibt sie sich auf eine Reise nach
Kurdistan, um sich vorsichtig und teilweise skeptisch
der ihr völlig fremden Kultur ihrer kurdischen Ahnen
anzunähern. Gerade wegen des persönlichen Charakters
halte ich diese Art der filmischen Annäherung für sehr
legitim. Überflüssig und ethisch hochgradig fragwürdig
ist dann allerdings der Schluss des Films, der die
Regisseurin wie eine gute Fee aus der
„fortschrittlichen“ und „überlegenen“ westlichen Welt
erscheinen lässt, die das „rückschrittliche“ kurdische
Dorf durch die Verlinkung via Internet mit der „großen
Welt“ aus dem vermeintlichen „orientalischen
Dämmerschlaf“ erweckt. Durch diese kulturdarwinistische
Perspektive verliert der eigentlich gute Film am Ende
erheblich an Überzeugungskraft.
„Black Water“ von Sahim Omar Kalifa, der sich neben der
Asylproblematik ebenfalls kritisch mit dem Thema
„Ehrenmord“ und in diesem Zusammenhang mit der Rolle des
familiären Einflusses auseinandersetzt, kann leider nur
als völlig misslungener filmischer Versuch bezeichnet
werden. Nichtsdestotrotz und unabhängig von seiner
Meinung zum Thema finde ich es allerdings ausgesprochen
positiv, dass der Regisseur als kurdischer Mann den
Versuch unternommen hat, sich künstlerisch mit dem
„Ehrenmord“ auseinanderzusetzen. Nur so kann der Diskurs
um den „Ehrenmord“ – ein Phänomen, das ja weite Teile
der kurdischen Gesellschaft und im Kern Männer betrifft
– aus der eher marginalen „Frauenecke“ gerückt werden.
Unter den auf dem Festival präsentierten Kurzfilmen
lieferte der junge norwegisch-kurdische Regisseurs
Hisham Zaman mit „Bawke“ eine ans Herz rührende
Überraschung. Dieser schöne, einfühlsame Film, der von
der Flucht eines Vaters mit seinem Sohn handelt, ist
allen Menschen gewidmet, die aus ihrer Heimat fliehen
müssen. Dass Vater und Sohn Kurden sind, merkt man
eigentlich nur indirekt an ihrer Sprache. Es geht dem
Regisseur in diesem Kurzspielfilm nicht um Flucht als
Politikum. Vielmehr eröffnet er einen sehr sensiblen
Zugang zur Erfahrung von Menschen auf der Flucht, die er
nicht als explizit kurdisch, sondern als allgemein
menschlich verstanden wissen möchte. Sich auf die Flucht
begeben müssen – das könnte unter gegebenen Umständen
jedem Menschen in jedem Land widerfahren.
Ebenfalls sehenswert ist „At the roof-tops of
Diyarbakir“ von Özkan Küçük, eine wirklich poetische
Beschreibung des in Kurdistan während der Sommerzeit
weit verbreiteten Lebens auf den Dächern. Ein Film ohne
Worte, der durch die Gemächlichkeit des gezeigten Lebens
besticht. Im Übrigen kommen hier auch Katzenliebhaber
ganz auf ihre Kosten.
Einen breiten Raum haben diesmal Filme über die
kurdische Guerilla erhalten. Qualitativ stach hier der
Dokumentarfilm „Women of Mount Ararat“ von Erwann Brian
hervor, der den Alltag einer kleinen Guerillaeinheit von
sechs Frauen begleitet. Der Film ist insofern
außergewöhnlich, als er eine ganz andere, sensible und
durchaus lebensfrohe Seite des Lebens der Frauen in den
Bergen zeigt, die nicht unbedingt dem gängigen Klischee
entspricht.
In der Reihe der Guerillafilme fällt auch „David der
Tolhildan“ des kurdisch-schweizerischen Regisseurs Mano
Khalil als gute dokumentarische Arbeit auf, in der er
sich auf die Spur David Rouillers – Sohn eines Schweizer
Universitätsprofessors und ehemaligen
Bundesgerichtspräsidenten – begibt, der sich als
sogenannter Internationalist der kurdischen Guerilla
angeschlossen hat. Im zweiten Teil begleitet das
Filmteam die Mutter Davids auf ihrer Besuchsreise zu
ihrem Sohn. Beeindruckend ist die warmherzige Beziehung
zwischen den Familienmitgliedern und ihr Verständnis für
die Entscheidung Davids, die gesicherte und bequeme
Existenz in der Schweiz aufzugeben, um sein Leben dem
kurdischen Befreiungskampf zu widmen.
Als mit Abstand bester Film stach „David und Leyla“ des
aus Südkurdistan stammenden, in den USA lebenden
Regisseurs Jay Jonroy hervor – eine Komödie über die
Liebe zwischen einem amerikanischem Juden und einer
Kurdin. Der Film bricht mit etlichen Tabus der
kurdischen Gesellschaft und auch der kurdischen
Filmemacher. Zudem räumt er auf sehr amüsante Weise mit
religiösen und gesellschaftlichen Vorurteilen zwischen
Muslimen und Juden auf und entdeckt viele
Gemeinsamkeiten zwischen beiden. Gerade in den Details
der ihm bis dahin unbekannten Kultur aschkenasischer
Juden wird die gute Recherchearbeit Jonroys deutlich.
Ganz nebenbei und unaufdringlich fließen auch die
traurigen Aspekte des kurdischen Schicksals ein. „David
und Layla“ ist ein in jeder Hinsicht niveauvoller Film,
der einfach Spaß macht.
Nicht nachvollziehbar finde ich die Entscheidung,
„Schildkröten können fliegen“ von Bahman Ghobadi und „Kilomètre
Zéro“ von Hiner Saleem in das Programm aufzunehmen, denn
beide Filme sind bereits längere Zeit in den Berliner
Kinos gelaufen und weisen im Vergleich zu früheren
Arbeiten der beiden Regisseure nicht im Geringsten die
Qualität auf, die eine Wiederholung auf diesem Festival
rechtfertigen würde.
Zu hinterfragen ist auch, warum „Zwischenwelten“ von
Yusuf Yeşilöz in das Festivalprogramm aufgenommen wurde.
„Zwischenwelten“ ist ein Dokumentarfilm über eine Frau,
die als Kind aus der Türkei in die Schweiz migrierte und
sich selbst zu 80 % als Schweizerin und zu 20 % als
Türkin, aber absolut nicht als Kurdin definiert. Dass
das Dorf aus dem sie stammt ursprünglich einmal kurdisch
war, spielt für sie persönlich und den Film überhaupt
keine Rolle. Ein kurdischer Bezug ist nicht gegeben,
lediglich der Regisseur ist Kurde. Der Protagonistin
selbst wird sozusagen nachträglich von außen eine
kurdische Identität aufgedrängt, die sie nicht hat. In
diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, warum
eigentlich Filme kurdischer Regisseurinnen und
Regisseure über andere, nicht explizit kurdische Themen
prinzipiell keine Aufnahme in des Festivalprogramm
finden. Ich denke hier beispielsweise an einen der Filme
von Akram Hidou über den lateinamerikanischen Tanz
Salsa. Wenn man zum einen „Zwischenwelten“ als Beitrag
für das Kurdische Filmfestival akzeptiert, und weil zum
anderen der Blick über den „Tellerrand“ der eigenen
Kultur letztlich auch Bestandteil des kulturellen Lebens
von Kurden insbesondere in der Diaspora ist, wäre es
folgerichtig, die Definition des „kurdischen Films“
grundsätzlich zu überdenken und eventuell weiter zu
fassen, als es bisher der Fall ist. Auch der erkennbar
französische oder italienische Film zeichnet sich nicht
dadurch aus, dass er sich mit französischen bzw.
italienischen Themen befasst, sondern durch einen
distinkten Stil. Weniger der Gegenstand der Betrachtung
selbst, sondern vielmehr der Blick auf diesen Gegenstand
ist kulturell geprägt. Auch wenn der kurdische Film an
sich noch in den Kinderschuhen steckt, wäre es
demzufolge konsequent zu überlegen, ob und, wenn ja,
welche Kriterien einen Film stilistisch als kurdisch
charakterisieren.
In dieser Hinsicht hätte auch der im Rahmen des
Festivals im Sprachenatellier stattfindende Workshop
„Neue Bewegungen im Kurdischen Kino“ interessant werden
können. Tatsächlich glich das Gespräch leider mehr einem
Kaffeeklatsch, denn einem seriösen Workshop. Zunächst
war es der Konstruktivität dieser Veranstaltung
hochgradig abträglich, dass sie mit gleichzeitigem
Frühstück stattfand – eine Frühstückspause hätte es auch
getan. Zudem wäre eine gründliche Vorbereitung der
Beteiligten sehr hilfreich gewesen. Prinzipiell halte
ich theoretische Veranstaltungen und Wissenstransfer
neben dem Filmprogramm des Festivals für sehr bedeutsam,
um die Entwicklung des Kurdischen Kinos voranzubringen.
Ich denke, dass hierauf in Zukunft unbedingt ein
stärkeres Gewicht gelegt werden muss. Fundierte Referate
mit Theorie- und Praxisbezug sowie eine gut organisierte
Übersetzung wären hierfür unabdingbar.
Sehr enttäuschend war, dass acht der angekündigten Gäste
gar nicht erschienen sind. Andere Gäste, von denen
vorher durchaus klar gewesen ist, dass sie kommen
werden, waren dagegen im Programmheft überhaupt nicht
angekündigt.
Negativ fiel zudem das sprachliche Chaos auf, das die
deutsch-kurdische Schauspielerin Berîvan Kaya bei der
Moderation des Gesprächs mit der Regisseurin Binevşa
Berîvan verursacht hat, indem sie komplett auf den
kurdischen Übersetzer verzichtete und es vorzog, mit der
Regisseurin Französisch zu sprechen. Obendrein hat sie
befremdlicherweise das Publikum mehrfach aufgefordert,
seine Fragen doch auf Türkisch an die Regisseurin zu
richten. Da etliche Gäste eigentlich auf die kurdische
Übersetzung angewiesen waren, wurde zum Teil ersatzweise
auf die englische Sprache ausgewichen. Warum so
kompliziert? In Anbetracht der Zusammensetzung des
Publikums war es klar, dass Deutsch und Kurdisch zur
allgemeinen Verständigung völlig ausgereicht hätten,
statt völlig ohne Bedarf ausgerechnet die
irrelevantesten Fremdsprachen zu nutzen – zumal die
Regisseurin in diesem Fall ohnehin Kurdisch sprechen
konnte und viele Kurden aus dem Süden und Westen, die
bekanntlich kein Türkisch sprechen, anwesend waren.
Angesichts der gewaltsamen und verheerenden
Unterdrückung der Kurdischen Sprache kann gerade im
Kontext eines Kurdischen Filmfestivals Berîvan Kayas
Ablehnung der kurdischen Übersetzung und ihre
Aufforderung, stattdessen Türkisch zu sprechen, nur als
ausgesprochen verantwortungslos bezeichnet werden.
Abgesehen davon ist im Vergleich zu den vorangegangenen
Festivals jedoch positiv zu bemerken, dass die
sprachliche Verständigung insgesamt gesehen diesmal
weitestgehend reibungslos abgelaufen ist. Das ist vor
allem Ferhad Ehmê zu verdanken, der eine ausgezeichnete
Moderations- und Übersetzungsarbeit geleistet hat, aber
auch Synnove Bendixsen, deren Übersetzungen aus dem
Norwegischen unersetzlich waren.
Ausgesprochen problematisch sind hingegen nach wie vor
die sprachliche Qualität sowie offensichtliche
Sachfehler in den Programmheften und im Internetauftritt
des Festivals, was jedoch nicht dazu verleiten sollte,
den einzelnen Redaktionsmitarbeitern Unfähigkeit zu
unterstellen. Ursächlich ist hier erfahrungsgemäß die
mangelhafte Gesamtorganisation während der
Festivalvorbereitung. Diese Mängel sollten in Zukunft
unbedingt vermieden werden, denn die sprachliche
Perfektion ist eines der bedeutendsten
Repräsentationsmittel und somit eine der wichtigsten
Voraussetzungen, um – über das kurdische Publikum hinaus
– im kulturellen Leben Deutschlands auf breite Akzeptanz
zu treffen.
Traurig ist, dass die gute Sitte der ersten beiden
Festivaljahre, sämtliche MitarbeiterInnen, deren zumeist
eher im Verborgenen stattfindenden Arbeit das Gelingen
des Festivals überhaupt erst ermöglicht, zum Dank auf
die Bühne zu rufen, schon seit 2004 nicht mehr
praktiziert wird. Ich hoffe, dass diese schöne und
höfliche Geste in den kommenden Jahren wieder
aufgegriffen wird.
Schlussendlich bleibt zu wünschen, dass das Kurdische
Filmfestival Berlin auch in den kommenden Jahren
stattfinden wird, da es – trotz aller berechtigter und
notwendiger Kritik – kurdischen Filmschaffenden eine
Möglichkeit bietet, ihre Werke vorzustellen, und auch
das Potential besitzt, am Kurdischen Kino Interessierte
zusammenzubringen, neue Diskussionen anzuregen und Wege
der Zusammenarbeit zu eröffnen.
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