Karin Ahrens
Verlegen im Exil; der Titel läßt mehrere Deutungen zu.. Man ist um
eine Antwort verlegen. Verlegenheit im Exil. Da ist die fremde
Sprache, in der Autoren und Autorinnen sich nun verständlich machen
müssen. Der Verlust der Heimat und der gewohnten sprachlichen
Umgebung, in der geschrieben und veröffentlicht wurde wird von
vielen Schriftstellern und Schriftstellerinnen als Schwierigkeit
beschrieben. Obwohl vieles davon leichter scheint durch die heutigen
Möglichkeiten der elektronischen Medien, bleibt dies aktuell. Von
diesen Schwierigkeiten und denen, im Exil Bücher zu verlegen, wieder
eine Doppeldeutigkeit, berichtet eine Dokumentation des
Bremerhavener Symposiums, veranstaltet vom P.E.N-Zentrum
Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1997. Sie faßt Texte und
Gedichte über Deutschland als Exilland, Schriftsteller als Verfolgte
und Deutsche im Exil zusammen. Erfahrungen von Deutschen im Exil
während der nationalsozialistischen Herrschaft finden hier Platz und
es wird eine Brücke geschlagen zu heutigen verfolgten
Schriftstellern.
Hans-Albert Walter und Burkhard Scherer erinnern an den Verleger
Fritz H. Landshoff, Leiter des Gutav Kiepenheuer Verlages von 1927
bis 1933. Später, 1933, ging dieser nach Amsterdam und wurde dort
Leiter und Mitbegründer des deutschen Querido Verlages (1933-1950).
Selber im Exil, verlegte er unter anderem Titel von Alfred Döblin,
Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Gustav Regler und Joseph Roth.
1940 mußte Landshoff auch Amsterdam verlassen, als die deutsche
Wehrmacht Holland überfiel. Beschrieben werden überdies die
Schwierigkeiten, Titel zu verlegen und zu vermarkten von Autoren,
die in ihrem Heimatland verfolgt und verfemt werden.
Die Dokumentation enthält weiterhin einen Auszug aus Jakov Linds
autobiographischer Trilogie „Im Gegenwind“. Jakov Lind war Zeitzeuge
des Nationalsozialismus in Deutschland und der späteren
Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschlands.
Ota Filip trifft in seinem Text „o du mein liebes fremdsprachiges
Land“ die Aussage: „Ich habe weder eine Heimat, noch ein Vaterland
nötig..“ In seinem polemsichen Text setzt er sich mit mitfühlenden
Gesten Deutscher einem Exilanten gegenüber auseinander. Ein Exilant
ist zunächst selbst verantwortlich, Sprache und kulturelle
Gepflogenheiten des Exillandes sich anzueignen. Schriftsteller im
Exil sollten sich nicht in ihrem sprachlichen und kulturellen Ghetto
bewegen.
Weitere Teile der Dokumentation sind unter unterschiedlichen
Überschriften zusammengefasst. Unter der ersten Überschrift: „Wirkung
des Exils deutscher Künstler im historischen Kontext“ erscheinen
Niederschriften von Referaten von Wilfried F. Schoeller, Klaus
Antes, Anthony W. Riley und Irmela von der Lühe. Sie beschreiben
eine jeweils individuelle Problematik von Exil. Wilfried F.
Schoeller fragt: „Wozu lesen und studieren wir Exilliteratur?“
Schoeller bezieht sich auf Exilliteratur deutscher Exilanten, die
vor dem Faschismus in Deutschland geflohen sind und schlägt einen
Bogen zu heutigen Exilanten und Migranten. Aus der Erfahrung, die
der Faschismus gebracht hat sollten wir lernen, Brüche und
Nicht-Identisches auszuhalten.
Klaus Antes berichtet über die Dichterin Irmgard Keun, die 1905
geboren in ihrer Heimat Deutschland während der Nazidiktatur als
Exilierte unter fremdem Namen mit falschem Paß lebte.
„-ja, wer achtet hier auf einen“, unter diesem Titel aus den Briefen
Alfred Döblins steht Anthony W.Rileys Beitrag zum vierfachen Exil
Döblins. Es führte ihn zunächst nach Zürich und Paris, dann nach Los
Angeles. Während dieser Zeit blieb Alfred Döblin schriftstellerisch
aktiv, hatte aber mit Schwierigkeiten, besonders in Los Angeles, zu
kämpfen. Nach seiner Rückkehr 1945 nach Deutschland ging er bald in
ein freiwilliges Exil nach Frankreich, nachdem er das Gefühl hatte,
im Land seiner Geburt überflüssig geworden zu sein.
Irmela von der Lühe berichtet von der Publizistin Erika Mann im Exil.
Erika Mann tourte zunächst während des Nationalsozialismus in
Deutschland durch Europa als Kabarettistin, ging danach ins Exil
nach Amerika. Hier konnte sie als Vortragsrednerin und Publizistin
arbeiten.
Über die Ursachen des Exils in heutiger Zeit berichten Gert
Heidenreich in seinem einleitenden Titel „Die Freiheit des Wortes
bedarf des Schutzes“, Elsbeth Wolffheim, Brigitte Burmeister,
Rajvinder Singh für das Writers in Prison Committee sowie Eberhard
Wenzel für amnesty international. Veronika Arendt-Rojahn referierte
über das deutsche Ausländerrecht unter dem Titel: „Wer opponiert,
ist selber schuld“. Sie bezeichnet die öffentliche Unterstützung von
Kollegen und kulturellen Institutionen als bedeutend für die
Durchsetzung des Asylrechts für verfolgte Schriftsteller. Der Sitz
des 1961 gegründeten Writers in Prison Committees ist London. Es hat
sich zur Aufgabe gemacht, inhaftierte oder verfolgte Autoren,
Journalisten und Verleger zu betreuen. Dazu arbeitet das Committee
mit nationalen P.E.N.-Zentren in 43 Ländern zusammen. Für amnesty
international hat die Arbeit von Schriftstellern und Journalisten
einen hohen Stellenwert, weil sie sich für die Freiheit des Wortes
und Einhaltung von Menschenrechten einsetzen. In dieser Hinsicht
gleichen sich deren Ziele mit den amnesty internationals.
Unter der dritten Überschrift „Die Muster des Exils“ berichten
Ursula Langkau-Alex über die Situation von Verlegern im Exil in den
Niederlanden und Hiltrud Häntzschel über Geschlechterrollen und
Geschlechterrollenbilder im Exil. Hiltrud Häntzschel stellt dar,
dass Frauenschicksale in der Exilforschung unterrepräsentiert sind
und untersucht die Wirkungen des Exils auf emigrierte, schreibende,
Frauen. Nicht jeder verfolgte Schriftsteller sucht das Exil. Am
Beispiel von ausgewanderten, geflüchteten russischen Schriftstellern
und Schriftstellerinnen stellt Fritz Mierau deren unterschiedliche
Geisteshaltungen in Bezug auf das Exil dar.
Deutschland als Exilland benennen unter anderem Ilja Trojanow,
Safeta Obhodjas, Bahman Nirumand und Khalid Al-Maaly. Ilja Trojanow
fragt, inwieweit die deutsche Gesellschaft es zuläßt, dass sich ein
Zugewanderter hier heimisch fühlen kann. Er bezeichnet sich dabei
als deutscher als so manche seiner Mitbürger, die von Geburt an
deutsch sind. Safeta Obhodjas bezeichnet im Gegensatz zu Ota Filip
die Situation von Schriftstellern im Exil als schwierig. Die Wirkung,
die Autoren und Autorinnen im Exilland erreichen können, bezeichnet
sie als eher gering. Das Heimatland habe daher mehr verloren, als
das Gastland hinzu gewonnen. Sein Leben zwischen zwei Kulturen, der
deutschen und der iranischen beschreibt Bahman Nirumand. Nach seiner
zweiten Flucht nach Deutschland habe das öffentliche Leben in
Deutschland für ihn kaum eine Rolle gespielt und er fühlt sich
zerissen zwischen den Kulturen. Khalid Al-Maaly ist mit einem
Beitrag über die Schwierigkeit, in einer fremden Sprache zu dichten
sowie acht Gedichten vertreten; Ilja Trojanow mit einem weiteren
Beitrag zu Asyl/Exil aus seinem Roman „Die Welt ist groß und Rettung
lauert überall“.
In dem Band finden sich weiterhin sechs Gedichte von Yüksel
Pazarkaya und vier Gedichte von Werner Söllner.
Verlegen im Exil
Eine Dokumentation
Herausgegeben von Volker Heigenmoser & Johann P. Tammen
Im Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH
Postfach 10 11 10
D-27511 Bremerhaven