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Verlegen im Exil

rojava.net 14.09.2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karin Ahrens


Verlegen im Exil; der Titel läßt mehrere Deutungen zu.. Man ist um eine Antwort verlegen. Verlegenheit im Exil. Da ist die fremde Sprache, in der Autoren und Autorinnen sich nun verständlich machen müssen. Der Verlust der Heimat und der gewohnten sprachlichen Umgebung, in der geschrieben und veröffentlicht wurde wird von vielen Schriftstellern und Schriftstellerinnen als Schwierigkeit beschrieben. Obwohl vieles davon leichter scheint durch die heutigen Möglichkeiten der elektronischen Medien, bleibt dies aktuell. Von diesen Schwierigkeiten und denen, im Exil Bücher zu verlegen, wieder eine Doppeldeutigkeit, berichtet eine Dokumentation des Bremerhavener Symposiums, veranstaltet vom P.E.N-Zentrum Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1997. Sie faßt Texte und Gedichte über Deutschland als Exilland, Schriftsteller als Verfolgte und Deutsche im Exil zusammen. Erfahrungen von Deutschen im Exil während der nationalsozialistischen Herrschaft finden hier Platz und es wird eine Brücke geschlagen zu heutigen verfolgten Schriftstellern.

Hans-Albert Walter und Burkhard Scherer erinnern an den Verleger Fritz H. Landshoff, Leiter des Gutav Kiepenheuer Verlages von 1927 bis 1933. Später, 1933, ging dieser nach Amsterdam und wurde dort Leiter und Mitbegründer des deutschen Querido Verlages (1933-1950). Selber im Exil, verlegte er unter anderem Titel von Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Gustav Regler und Joseph Roth. 1940 mußte Landshoff auch Amsterdam verlassen, als die deutsche Wehrmacht Holland überfiel. Beschrieben werden überdies die Schwierigkeiten, Titel zu verlegen und zu vermarkten von Autoren, die in ihrem Heimatland verfolgt und verfemt werden.

Die Dokumentation enthält weiterhin einen Auszug aus Jakov Linds autobiographischer Trilogie „Im Gegenwind“. Jakov Lind war Zeitzeuge des Nationalsozialismus in Deutschland und der späteren Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschlands.

Ota Filip trifft in seinem Text „o du mein liebes fremdsprachiges Land“ die Aussage: „Ich habe weder eine Heimat, noch ein Vaterland nötig..“ In seinem polemsichen Text setzt er sich mit mitfühlenden Gesten Deutscher einem Exilanten gegenüber auseinander. Ein Exilant ist zunächst selbst verantwortlich, Sprache und kulturelle Gepflogenheiten des Exillandes sich anzueignen. Schriftsteller im Exil sollten sich nicht in ihrem sprachlichen und kulturellen Ghetto bewegen.

Weitere Teile der Dokumentation sind unter unterschiedlichen Überschriften zusammengefasst. Unter der ersten Überschrift: „Wirkung des Exils deutscher Künstler im historischen Kontext“ erscheinen Niederschriften von Referaten von Wilfried F. Schoeller, Klaus Antes, Anthony W. Riley und Irmela von der Lühe. Sie beschreiben eine jeweils individuelle Problematik von Exil. Wilfried F. Schoeller fragt: „Wozu lesen und studieren wir Exilliteratur?“ Schoeller bezieht sich auf Exilliteratur deutscher Exilanten, die vor dem Faschismus in Deutschland geflohen sind und schlägt einen Bogen zu heutigen Exilanten und Migranten. Aus der Erfahrung, die der Faschismus gebracht hat sollten wir lernen, Brüche und Nicht-Identisches auszuhalten.

Klaus Antes berichtet über die Dichterin Irmgard Keun, die 1905 geboren in ihrer Heimat Deutschland während der Nazidiktatur als Exilierte unter fremdem Namen mit falschem Paß lebte.

„-ja, wer achtet hier auf einen“, unter diesem Titel aus den Briefen Alfred Döblins steht Anthony W.Rileys Beitrag zum vierfachen Exil Döblins. Es führte ihn zunächst nach Zürich und Paris, dann nach Los Angeles. Während dieser Zeit blieb Alfred Döblin schriftstellerisch aktiv, hatte aber mit Schwierigkeiten, besonders in Los Angeles, zu kämpfen. Nach seiner Rückkehr 1945 nach Deutschland ging er bald in ein freiwilliges Exil nach Frankreich, nachdem er das Gefühl hatte, im Land seiner Geburt überflüssig geworden zu sein.

Irmela von der Lühe berichtet von der Publizistin Erika Mann im Exil. Erika Mann tourte zunächst während des Nationalsozialismus in Deutschland durch Europa als Kabarettistin, ging danach ins Exil nach Amerika. Hier konnte sie als Vortragsrednerin und Publizistin arbeiten.

Über die Ursachen des Exils in heutiger Zeit berichten Gert Heidenreich in seinem einleitenden Titel „Die Freiheit des Wortes bedarf des Schutzes“, Elsbeth Wolffheim, Brigitte Burmeister, Rajvinder Singh für das Writers in Prison Committee sowie Eberhard Wenzel für amnesty international. Veronika Arendt-Rojahn referierte über das deutsche Ausländerrecht unter dem Titel: „Wer opponiert, ist selber schuld“. Sie bezeichnet die öffentliche Unterstützung von Kollegen und kulturellen Institutionen als bedeutend für die Durchsetzung des Asylrechts für verfolgte Schriftsteller. Der Sitz des 1961 gegründeten Writers in Prison Committees ist London. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, inhaftierte oder verfolgte Autoren, Journalisten und Verleger zu betreuen. Dazu arbeitet das Committee mit nationalen P.E.N.-Zentren in 43 Ländern zusammen. Für amnesty international hat die Arbeit von Schriftstellern und Journalisten einen hohen Stellenwert, weil sie sich für die Freiheit des Wortes und Einhaltung von Menschenrechten einsetzen. In dieser Hinsicht gleichen sich deren Ziele mit den amnesty internationals.

Unter der dritten Überschrift „Die Muster des Exils“ berichten Ursula Langkau-Alex über die Situation von Verlegern im Exil in den Niederlanden und Hiltrud Häntzschel über Geschlechterrollen und Geschlechterrollenbilder im Exil. Hiltrud Häntzschel stellt dar, dass Frauenschicksale in der Exilforschung unterrepräsentiert sind und untersucht die Wirkungen des Exils auf emigrierte, schreibende, Frauen. Nicht jeder verfolgte Schriftsteller sucht das Exil. Am Beispiel von ausgewanderten, geflüchteten russischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen stellt Fritz Mierau deren unterschiedliche Geisteshaltungen in Bezug auf das Exil dar.

Deutschland als Exilland benennen unter anderem Ilja Trojanow, Safeta Obhodjas, Bahman Nirumand und Khalid Al-Maaly. Ilja Trojanow fragt, inwieweit die deutsche Gesellschaft es zuläßt, dass sich ein Zugewanderter hier heimisch fühlen kann. Er bezeichnet sich dabei als deutscher als so manche seiner Mitbürger, die von Geburt an deutsch sind. Safeta Obhodjas bezeichnet im Gegensatz zu Ota Filip die Situation von Schriftstellern im Exil als schwierig. Die Wirkung, die Autoren und Autorinnen im Exilland erreichen können, bezeichnet sie als eher gering. Das Heimatland habe daher mehr verloren, als das Gastland hinzu gewonnen. Sein Leben zwischen zwei Kulturen, der deutschen und der iranischen beschreibt Bahman Nirumand. Nach seiner zweiten Flucht nach Deutschland habe das öffentliche Leben in Deutschland für ihn kaum eine Rolle gespielt und er fühlt sich zerissen zwischen den Kulturen. Khalid Al-Maaly ist mit einem Beitrag über die Schwierigkeit, in einer fremden Sprache zu dichten sowie acht Gedichten vertreten; Ilja Trojanow mit einem weiteren Beitrag zu Asyl/Exil aus seinem Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“.
In dem Band finden sich weiterhin sechs Gedichte von Yüksel Pazarkaya und vier Gedichte von Werner Söllner.

Verlegen im Exil
Eine Dokumentation
Herausgegeben von Volker Heigenmoser & Johann P. Tammen
Im Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH
Postfach 10 11 10
D-27511 Bremerhaven