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Judith Wolf |

Schwierigkeiten und Aussichten in der kurdischen
Filmproduktion.
Ein Interview mit Akram Hidou
Gespräch: Judith Wolf
Akram Hidou
Akram Hidou ist ein kurdischer Kameramann, der aus Serê
Kaniyê im syrischen Teil Kurdistans stammt und in
Hannover lebt. An dem auf dem 4. Kurdischen Filmfestival
Berlin vorgestellten Spielfilm „Axîn“ von Kutbettin
Güney war er hauptsächlich als Kameramann und teilweise
auch als Cutter beteiligt.
Judith Wolf: Der Film „Axîn“ wirkt in sich sehr
widersprüchlich. Einerseits hast Du selbst dabei eine
gute Kameraarbeit geleistet, andererseits ist der Film
an sich nicht gut geworden. Außer den schönen Bildern
und der guten Kameraführung wirkt alles ziemlich
laienhaft und improvisiert. Wie passiert so etwas?
Akram Hidou: Also, da muss ich über die
Produktion des Filmes erzählen. Der Film ist innerhalb
ganz kurzer Zeit entstanden und, anders als zu erwarten
war, ist ein ziemlich langer Film daraus geworden. Ja,
vielleicht schadet die Länge dem Inhalt ein bisschen,
aber wenn ich die Ergebnisse mit den Bedingungen
vergleiche, unter denen der Film gedreht wurde, finde
ich das Ganze, was dann am Ende herausgekommen ist, gut.
Inhaltlich kann aber nur der Regisseur etwas dazu sagen.
Ich stand bei den Kameraarbeiten vor dem Problem, dass
überhaupt nichts vorbereitet worden ist und gar keine
richtige bildliche Vorstellung vorhanden war. Es
existierte überhaupt kein aufgelöstes Drehbuch, das die
Geschichte mit Bildern beschreibt, und die Motive waren
zum größten Teil auch noch nicht bekannt. Die Zeit war
knapp und ich habe versucht, aus den meisten Motiven das
Beste zu machen oder überhaupt erst passende Motive
auszusuchen. Anhand der Technik, also der Bedienung von
Licht, Tonhintergrund und so weiter, habe ich
ausgewählt, was am besten passt: Wie ist mein Licht
hier? Welche Tiefe, welche Farben habe ich hier? Wie
kann ich hier drehen? Es war alles so kurz angedacht und
dann habe ich gleich aufgenommen, oder bei einigen
Sachen, von denen ich schon vorher wusste, habe ich auch
einen Tag davor überlegt. Aber die meisten
Außenaufnahmen sind innerhalb kürzester Zeit entstanden,
innerhalb von ein paar Stunden, wo ich dann dachte,
okay, hier kann ich dies und das machen.
Ich kannte die Szenen schon ungefähr, aber die Motive
habe ich vorher nicht gesehen, weil ich auf Reisen war,
als ich das Angebot bekommen habe, und als ich zurück
war, musste ich schon innerhalb von zwei Tagen dort
sein. Vorher habe ich keine Information bekommen. Es war
nur ein grobes und kurzes Drehbuch von nicht einmal
dreißig Seiten vorhanden. Und daraus sind dreiundsiebzig
Minuten entstanden – ein bisschen lang, aber ich würde
sagen, es ist gut. Was meine Kameraarbeit betrifft, bin
ich jedenfalls zufrieden.
J. W.: Du warst ja auch am Schnitt beteiligt. Kannst
Du dazu etwas sagen?
A. H.: Ich habe das mit einem Freund, Alexey
Jewsejew, geschnitten. Es war sehr schwierig, weil die
Schauspieler keine professionellen Schauspieler waren,
aber das war eigentlich nicht das Problem. Doch es wäre
schon notwendig gewesen, dass die Schauspieler sich ein
bisschen mit ihrer Rolle beschäftigt hätten. Das gehört
auch zur Regiearbeit, dass der Regisseur Anweisungen
gibt und ein bisschen Schauspielführung macht. Und die
Schauspieler hätten sich selber Gedanken über die Figur
machen müssen: Wie kann ich sie verkörpern? Was ist das
überhaupt für eine Person oder Figur? Wie kann ich mich
verhalten? Wie kann ich mich bewegen? Wie kann ich die
gesprochene Sprache, die Mimik und die gesamte
Körpersprache miteinander verbinden? Das hat gefehlt und
hat der Geschichte ein bisschen geschadet.
Das Zweite, das eine negative Wirkung auf den Schnitt
hatte, war, dass wir bestimmte Schnitte aus der Not
heraus aussuchen mussten, weil wir einfach nichts
besseres gefunden haben. Vielleicht war das Licht gut,
der Ton gut, es war keine technische Störung dabei, aber
die Schauspielleistung war nicht überzeugend, wo man
dann eigentlich denkt, das sagt mir gar nicht zu, da
muss ich andere Einstellungen nehmen, auch wenn die
Technik dort nicht in Ordnung ist. Da mussten wir auch
auf den Inhalt achten, denn der Inhalt steht ja im
Vordergrund. Viele Einstellungen haben wir sozusagen als
Notlösung genommen.
Wenn die Schauspieler sich mit den Figuren befasst
hätten, die Technik auch o.k. und alles schön aufgelöst
gewesen wäre, hätten die Ergebnisse auch optimal sein
können. Aber weil das gefehlt hat, konnten die
technischen, dramaturgischen und schauspielerischen
Ergebnisse gar nicht anders aussehen.
Hier möchte ich auch etwas zur Musik sagen. Alle
Musikstücke für diesen Film haben wir innerhalb einer
Woche ausgesucht und ausprobiert. Eigentlich sollte das
jemand anders machen, aber diese Musik hat mir nicht so
gefallen, sie hat nicht zum Film gepasst. Aber ich
wusste, wenn ich Ciwan-Haco-Musik höre, werde ich etwas
Passendes finden. Ja, hier möchte ich mich auch einmal
bei Ciwan Haco bedanken, dass er wirklich großartige und
zum großen Teil sehr filmische Musik macht. Also, das
ist nicht einfach nur Musik zum Hören, sondern es
passiert etwas in dieser Musik, es ist eine
musikalisch-filmische Bewegung dabei, die bildlich ist.
Jede Musik baut Spannung auf, aber diese Musik erzählt
eine Geschichte. Meiner Meinung nach beherrscht er das
sehr gut, was kurdische Sachen betrifft.
Ich finde, für diesen Film ist das eine klasse Musik,
die ihm – zusammen mit den Bildern – zur Hälfte geholfen
hat. Durch die Musik haben die Bilder einen gewissen
Rhythmus und eine bestimmte Atmosphäre bekommen. Das ist
schon eine positive Sache bei dem Film, dass die Bilder,
die Farbe und das Licht in gewisser Weise mit der Musik
harmonieren, das hat dem Ganzen einen Schub gegeben. Was
an der Geschichte und an der schauspielerischen Leistung
gefehlt hat, konnte dadurch ein bisschen ausgeglichen
werden.
J. W.: Wenn Du die Entwicklung des kurdischen Kinos
insgesamt betrachtest, was denkst Du über seine
momentane Situation und seine Möglichkeiten?
A. H.: Glücklicherweise sieht man seit ein paar
Jahren, dass mehr und mehr produziert wird. Ob schlecht
oder gut, das ist eine andere Frage, aber es ist eine
Dynamik in der kurdischen Filmproduktion zu erkennen,
die sowohl in ihrer Tiefe als auch in ihrem Umfang
zunimmt. Ich halte es für sehr gut, dass überhaupt ein
Kurdisches Kino entsteht. Mehr Filme und mehr filmische
Perspektiven wirken sich auch auf die Qualität aus, das
heißt, es wird Diskussionen geben, es wird Kritik geben,
es wird Wettbewerbe geben. Und es präsentieren sich auch
viele Filme auf internationalen Filmfestivals. Dadurch
entsteht schon eine gewisse kurdische Kinokultur, die es
vorher überhaupt nicht gab.
Aber ich denke, das ist ein Prozess, der schon seit
einigen Jahren wirklich begonnen hat, das ist der
Anfang. Und ich finde, es geht in die richtige Richtung.
Nur müssen die Kurden, die mit diesem Medium zu tun
haben, also die Regisseure, die Schauspieler, die
Komparsen, der Kameramann, der Cutter, aufmerksamer
werden, nicht nur auf ihren Film, sondern auch darauf,
wie sie selbst dazu beitragen können, die kurdische
Kinokultur voranzubringen und in die richtige Richtung
zu leiten: Was brauchen wir? Was wird von uns verlangt?
Wie können wir miteinander arbeiten? Was können wir hier
in Europa machen und was ist jetzt in Kurdistan möglich?
Besonders in Südkurdistan sind die Bedingungen jetzt
sehr gut, um etwas zu erreichen: Die Leute wollen in
Südkurdistan etwas machen, weil es dort Freiheit gibt,
die Kurden regieren sich selbst, die Gelder sind da.
Aber wir können auch nicht immer mit dem Zeigefinger auf
die Leute dort zeigen: „Ja, warum macht ihr dieses
nicht? Warum macht ihr jenes nicht?“ Also, die Politiker
können innerhalb der Politik etwas machen. Sie können
die allgemeine Atmosphäre und die Lebensgrundlage
schaffen, damit die anderen – ob das Kultur, Literatur,
Kunst oder auch Technik betrifft – Unterstützung
bekommen und in Ruhe arbeiten können. Nur können sie
nichts dafür, wenn nichts entsteht, denn das ist nicht
deren Bereich.
Da liegt es an uns, selber Kontakte nach Kurdistan, also
nicht nur zum Süden, sondern zu allen vier Teilen zu
knüpfen und das Wissen und die Erfahrung, die wir hier
in Europa gewinnen, für uns selbst, aber auch für die
anderen in Kurdistan nützlich zu machen und gewisse
Vorschläge einzubringen, was man dort machen könnte.
Also, man kann nicht immer mit dem Zeigefinger auf die
anderen zeigen, sondern man muss, wenn man dorthin nach
Kurdistan kommt, sich wirklich selber mit seinem
Fachwissen, mit Konzepten und Kontakten dafür einsetzen.
Viele machen jetzt Filme dort, aber es reicht nicht,
wenn ein Kurde dorthin geht und Filme produziert und
sagt: „Ja, in Kurdistan habe ich keine Kamera gefunden,
es gibt keine einzige 35-mm-Kamera und es gibt keinen
einzigen Schnittplatz, es gibt kein Studio, um die
Postproduktion zu machen“, sondern man muss auch die
Leute die dort leben, mit einbeziehen, damit sie sehen,
wie ein Film entsteht. Ich meine, man muss die Leute
dort auch in einem gewissen Maß mit in die Produktion
einbeziehen, ob nun in Form eines Praktikums, als
Mitarbeiter oder ob man Seminare veranstaltet und
Vorschläge macht. Es gibt alles mögliche, was man dort
machen kann. Also, man sollte dort nicht nur Filme
drehen, sondern auch ein gewisses Maß an Leben
reinbringen.
J. W.: Zeigt das kurdische Kino schon eine erkennbare
inhaltliche und künstlerische Charakteristik?
A. H.: Ja, ich glaube schon, aber es ist noch
nicht so klar. Es hat sich irgendwie alles
dokumentarisch entwickelt, auch was szenisch ist, und
das Ganze zieht sich immer noch in die Länge. Man sieht
auch Versuche, in eine andere Richtung zu gehen, aber es
dominiert immer noch das gewisse Dokumentarische.
Vielleicht ist das auch gut so, denn es wurde vorher
nichts gemacht, nur in den letzten paar Jahren. Ich
finde, das ist schon ein Charakter des kurdischen Kinos
bis jetzt. Aber was dann später kommt, kann man noch
nicht wissen, es kommt darauf an, inwiefern und in
welche Richtung sich das entwickelt.
J. W.: Was hältst Du von den Filmen, die in diesem
Jahr hier auf dem Kurdischen Filmfestival gezeigt
wurden?
A. H.: Es gab viele gute Sachen. Das Interessante
ist ja hier, dass viele Filme über Frauen und von
Frauen, also kurdischen Frauen, gemacht worden sind. Das
hat mich sehr beeindruckt. Erstaunlicherweise waren sehr
gute Sachen dabei. Das hat mir sehr gut gefallen. Also,
ich denke, wenn die kurdischen Frauen frei sind, dann
gibt es vielleicht irgendwann einmal ein freies
Kurdistan, also das ist ein Zeichen, ein Signal, dass
sich etwas in die richtige Richtung bewegt. Denn es gibt
eine große Problematik, die die kurdischen Frauen
betrifft, darüber können nur die Frauen etwas erzählen.
Und da, finde ich, gab es bei diesem Festival viele
Filme, die zu diesem Thema und eben auch von Frauen
selbst gemacht worden sind. Das finde ich sehr positiv.
J. W.: Ich danke Dir für das Gespräch.
A. H.: Vielen Dank für Dein Interesse an der
Filmkunst aus dem kurdischen Bereich. Und ich hoffe auch
auf die Unterstützung der Branche durch das Publikum,
insbesondere durch die Kurden.
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