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H.R.K.R.D     The Kurdish Intellectuals Union- West Kurdistan- Abroad

28 January 2008 16:04


Judith Wolf




Schwierigkeiten und Aussichten in der kurdischen Filmproduktion.
Ein Interview mit Akram Hidou

Gespräch: Judith Wolf



                                                                                                               Akram Hidou

Akram Hidou ist ein kurdischer Kameramann, der aus Serê Kaniyê im syrischen Teil Kurdistans stammt und in Hannover lebt. An dem auf dem 4. Kurdischen Filmfestival Berlin vorgestellten Spielfilm „Axîn“ von Kutbettin Güney war er hauptsächlich als Kameramann und teilweise auch als Cutter beteiligt.


Judith Wolf: Der Film „Axîn“ wirkt in sich sehr widersprüchlich. Einerseits hast Du selbst dabei eine gute Kameraarbeit geleistet, andererseits ist der Film an sich nicht gut geworden. Außer den schönen Bildern und der guten Kameraführung wirkt alles ziemlich laienhaft und improvisiert. Wie passiert so etwas?

Akram Hidou: Also, da muss ich über die Produktion des Filmes erzählen. Der Film ist innerhalb ganz kurzer Zeit entstanden und, anders als zu erwarten war, ist ein ziemlich langer Film daraus geworden. Ja, vielleicht schadet die Länge dem Inhalt ein bisschen, aber wenn ich die Ergebnisse mit den Bedingungen vergleiche, unter denen der Film gedreht wurde, finde ich das Ganze, was dann am Ende herausgekommen ist, gut. Inhaltlich kann aber nur der Regisseur etwas dazu sagen.

Ich stand bei den Kameraarbeiten vor dem Problem, dass überhaupt nichts vorbereitet worden ist und gar keine richtige bildliche Vorstellung vorhanden war. Es existierte überhaupt kein aufgelöstes Drehbuch, das die Geschichte mit Bildern beschreibt, und die Motive waren zum größten Teil auch noch nicht bekannt. Die Zeit war knapp und ich habe versucht, aus den meisten Motiven das Beste zu machen oder überhaupt erst passende Motive auszusuchen. Anhand der Technik, also der Bedienung von Licht, Tonhintergrund und so weiter, habe ich ausgewählt, was am besten passt: Wie ist mein Licht hier? Welche Tiefe, welche Farben habe ich hier? Wie kann ich hier drehen? Es war alles so kurz angedacht und dann habe ich gleich aufgenommen, oder bei einigen Sachen, von denen ich schon vorher wusste, habe ich auch einen Tag davor überlegt. Aber die meisten Außenaufnahmen sind innerhalb kürzester Zeit entstanden, innerhalb von ein paar Stunden, wo ich dann dachte, okay, hier kann ich dies und das machen.

Ich kannte die Szenen schon ungefähr, aber die Motive habe ich vorher nicht gesehen, weil ich auf Reisen war, als ich das Angebot bekommen habe, und als ich zurück war, musste ich schon innerhalb von zwei Tagen dort sein. Vorher habe ich keine Information bekommen. Es war nur ein grobes und kurzes Drehbuch von nicht einmal dreißig Seiten vorhanden. Und daraus sind dreiundsiebzig Minuten entstanden – ein bisschen lang, aber ich würde sagen, es ist gut. Was meine Kameraarbeit betrifft, bin ich jedenfalls zufrieden.


J. W.: Du warst ja auch am Schnitt beteiligt. Kannst Du dazu etwas sagen?

A. H.: Ich habe das mit einem Freund, Alexey Jewsejew, geschnitten. Es war sehr schwierig, weil die Schauspieler keine professionellen Schauspieler waren, aber das war eigentlich nicht das Problem. Doch es wäre schon notwendig gewesen, dass die Schauspieler sich ein bisschen mit ihrer Rolle beschäftigt hätten. Das gehört auch zur Regiearbeit, dass der Regisseur Anweisungen gibt und ein bisschen Schauspielführung macht. Und die Schauspieler hätten sich selber Gedanken über die Figur machen müssen: Wie kann ich sie verkörpern? Was ist das überhaupt für eine Person oder Figur? Wie kann ich mich verhalten? Wie kann ich mich bewegen? Wie kann ich die gesprochene Sprache, die Mimik und die gesamte Körpersprache miteinander verbinden? Das hat gefehlt und hat der Geschichte ein bisschen geschadet.

Das Zweite, das eine negative Wirkung auf den Schnitt hatte, war, dass wir bestimmte Schnitte aus der Not heraus aussuchen mussten, weil wir einfach nichts besseres gefunden haben. Vielleicht war das Licht gut, der Ton gut, es war keine technische Störung dabei, aber die Schauspielleistung war nicht überzeugend, wo man dann eigentlich denkt, das sagt mir gar nicht zu, da muss ich andere Einstellungen nehmen, auch wenn die Technik dort nicht in Ordnung ist. Da mussten wir auch auf den Inhalt achten, denn der Inhalt steht ja im Vordergrund. Viele Einstellungen haben wir sozusagen als Notlösung genommen.

Wenn die Schauspieler sich mit den Figuren befasst hätten, die Technik auch o.k. und alles schön aufgelöst gewesen wäre, hätten die Ergebnisse auch optimal sein können. Aber weil das gefehlt hat, konnten die technischen, dramaturgischen und schauspielerischen Ergebnisse gar nicht anders aussehen.

Hier möchte ich auch etwas zur Musik sagen. Alle Musikstücke für diesen Film haben wir innerhalb einer Woche ausgesucht und ausprobiert. Eigentlich sollte das jemand anders machen, aber diese Musik hat mir nicht so gefallen, sie hat nicht zum Film gepasst. Aber ich wusste, wenn ich Ciwan-Haco-Musik höre, werde ich etwas Passendes finden. Ja, hier möchte ich mich auch einmal bei Ciwan Haco bedanken, dass er wirklich großartige und zum großen Teil sehr filmische Musik macht. Also, das ist nicht einfach nur Musik zum Hören, sondern es passiert etwas in dieser Musik, es ist eine musikalisch-filmische Bewegung dabei, die bildlich ist. Jede Musik baut Spannung auf, aber diese Musik erzählt eine Geschichte. Meiner Meinung nach beherrscht er das sehr gut, was kurdische Sachen betrifft.

Ich finde, für diesen Film ist das eine klasse Musik, die ihm – zusammen mit den Bildern – zur Hälfte geholfen hat. Durch die Musik haben die Bilder einen gewissen Rhythmus und eine bestimmte Atmosphäre bekommen. Das ist schon eine positive Sache bei dem Film, dass die Bilder, die Farbe und das Licht in gewisser Weise mit der Musik harmonieren, das hat dem Ganzen einen Schub gegeben. Was an der Geschichte und an der schauspielerischen Leistung gefehlt hat, konnte dadurch ein bisschen ausgeglichen werden.


J. W.: Wenn Du die Entwicklung des kurdischen Kinos insgesamt betrachtest, was denkst Du über seine momentane Situation und seine Möglichkeiten?

A. H.: Glücklicherweise sieht man seit ein paar Jahren, dass mehr und mehr produziert wird. Ob schlecht oder gut, das ist eine andere Frage, aber es ist eine Dynamik in der kurdischen Filmproduktion zu erkennen, die sowohl in ihrer Tiefe als auch in ihrem Umfang zunimmt. Ich halte es für sehr gut, dass überhaupt ein Kurdisches Kino entsteht. Mehr Filme und mehr filmische Perspektiven wirken sich auch auf die Qualität aus, das heißt, es wird Diskussionen geben, es wird Kritik geben, es wird Wettbewerbe geben. Und es präsentieren sich auch viele Filme auf internationalen Filmfestivals. Dadurch entsteht schon eine gewisse kurdische Kinokultur, die es vorher überhaupt nicht gab.

Aber ich denke, das ist ein Prozess, der schon seit einigen Jahren wirklich begonnen hat, das ist der Anfang. Und ich finde, es geht in die richtige Richtung. Nur müssen die Kurden, die mit diesem Medium zu tun haben, also die Regisseure, die Schauspieler, die Komparsen, der Kameramann, der Cutter, aufmerksamer werden, nicht nur auf ihren Film, sondern auch darauf, wie sie selbst dazu beitragen können, die kurdische Kinokultur voranzubringen und in die richtige Richtung zu leiten: Was brauchen wir? Was wird von uns verlangt? Wie können wir miteinander arbeiten? Was können wir hier in Europa machen und was ist jetzt in Kurdistan möglich?

Besonders in Südkurdistan sind die Bedingungen jetzt sehr gut, um etwas zu erreichen: Die Leute wollen in Südkurdistan etwas machen, weil es dort Freiheit gibt, die Kurden regieren sich selbst, die Gelder sind da. Aber wir können auch nicht immer mit dem Zeigefinger auf die Leute dort zeigen: „Ja, warum macht ihr dieses nicht? Warum macht ihr jenes nicht?“ Also, die Politiker können innerhalb der Politik etwas machen. Sie können die allgemeine Atmosphäre und die Lebensgrundlage schaffen, damit die anderen – ob das Kultur, Literatur, Kunst oder auch Technik betrifft – Unterstützung bekommen und in Ruhe arbeiten können. Nur können sie nichts dafür, wenn nichts entsteht, denn das ist nicht deren Bereich.

Da liegt es an uns, selber Kontakte nach Kurdistan, also nicht nur zum Süden, sondern zu allen vier Teilen zu knüpfen und das Wissen und die Erfahrung, die wir hier in Europa gewinnen, für uns selbst, aber auch für die anderen in Kurdistan nützlich zu machen und gewisse Vorschläge einzubringen, was man dort machen könnte. Also, man kann nicht immer mit dem Zeigefinger auf die anderen zeigen, sondern man muss, wenn man dorthin nach Kurdistan kommt, sich wirklich selber mit seinem Fachwissen, mit Konzepten und Kontakten dafür einsetzen.

Viele machen jetzt Filme dort, aber es reicht nicht, wenn ein Kurde dorthin geht und Filme produziert und sagt: „Ja, in Kurdistan habe ich keine Kamera gefunden, es gibt keine einzige 35-mm-Kamera und es gibt keinen einzigen Schnittplatz, es gibt kein Studio, um die Postproduktion zu machen“, sondern man muss auch die Leute die dort leben, mit einbeziehen, damit sie sehen, wie ein Film entsteht. Ich meine, man muss die Leute dort auch in einem gewissen Maß mit in die Produktion einbeziehen, ob nun in Form eines Praktikums, als Mitarbeiter oder ob man Seminare veranstaltet und Vorschläge macht. Es gibt alles mögliche, was man dort machen kann. Also, man sollte dort nicht nur Filme drehen, sondern auch ein gewisses Maß an Leben reinbringen.


J. W.: Zeigt das kurdische Kino schon eine erkennbare inhaltliche und künstlerische Charakteristik?

A. H.: Ja, ich glaube schon, aber es ist noch nicht so klar. Es hat sich irgendwie alles dokumentarisch entwickelt, auch was szenisch ist, und das Ganze zieht sich immer noch in die Länge. Man sieht auch Versuche, in eine andere Richtung zu gehen, aber es dominiert immer noch das gewisse Dokumentarische. Vielleicht ist das auch gut so, denn es wurde vorher nichts gemacht, nur in den letzten paar Jahren. Ich finde, das ist schon ein Charakter des kurdischen Kinos bis jetzt. Aber was dann später kommt, kann man noch nicht wissen, es kommt darauf an, inwiefern und in welche Richtung sich das entwickelt.


J. W.: Was hältst Du von den Filmen, die in diesem Jahr hier auf dem Kurdischen Filmfestival gezeigt wurden?

A. H.: Es gab viele gute Sachen. Das Interessante ist ja hier, dass viele Filme über Frauen und von Frauen, also kurdischen Frauen, gemacht worden sind. Das hat mich sehr beeindruckt. Erstaunlicherweise waren sehr gute Sachen dabei. Das hat mir sehr gut gefallen. Also, ich denke, wenn die kurdischen Frauen frei sind, dann gibt es vielleicht irgendwann einmal ein freies Kurdistan, also das ist ein Zeichen, ein Signal, dass sich etwas in die richtige Richtung bewegt. Denn es gibt eine große Problematik, die die kurdischen Frauen betrifft, darüber können nur die Frauen etwas erzählen. Und da, finde ich, gab es bei diesem Festival viele Filme, die zu diesem Thema und eben auch von Frauen selbst gemacht worden sind. Das finde ich sehr positiv.


J. W.: Ich danke Dir für das Gespräch.

A. H.: Vielen Dank für Dein Interesse an der Filmkunst aus dem kurdischen Bereich. Und ich hoffe auch auf die Unterstützung der Branche durch das Publikum, insbesondere durch die Kurden.



 

 

 

 


 

 
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